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Sport und Rundspruch

 

Die erste Rundspruchstation wurde im Sommer 1921 von einer amerikanischen Radiofabrik in Pittsburgh errichtet ; trotz der guten Konzerte, die sie verbreitete, fand die Neuerung wenig Beachtung, denn Radioempfänger waren damals auch in Amerika nur in wenigen Händen, und das allgemeine Interesse an diesen Dingen war noch gering. Erst ein sportliches Ereignis führte in diesem Zustand eine Wandlung herbei : der berühmte Boxkampf Carpentier-Dempsey, über den ja auch unsere Zeitungen spaltenlang berichtet haben. Ohne das vorher etwas verlautet hatte, errichtete die Westinghouse Company, eine der grössten amerikanischen Radionfirmen, aus diesem Anlass in Newark eine kleine Sendestation und verbreitete von dort aus durch Wellentelegraphie alle Phasen des Kampfes einschliesslich der Glockenzeichen und des Beifalls am Schluss der einzelnen Runden. Dieses Ereignis löste die grösste Radiobewegung aus, die zuerst die Vereinigten Staaten in ihren Bann gezogen hat, wo heute über drei Millionen Amateurempfänger in Tätigkeit sind, die dann nach England, Frankreich und Holland übergriff, und die jetzt auch in Mitteleuropa auf dem Marsche ist, vorläufig allerdings in den meisten Ländern durch die Behörden mehr gehindert als gefördert.

In den englisch sprechenden Ländern ist das "Radiofieber", von dem die Gegner ein wenig spöttisch sprechen, am weitesten gediehen; infolgedessen ist dort auch die Sportberichterstattung auf drahtlosem Wege schon überall eingeführt, wenigstens in dem Sinne, dass die Rundfunkstationen die Ergebnisse wichtiger Sportereignisse gleich verbreiten. Ob darüber hinaus die Radiotechnik im Dienste des Sportbetriebs selber steht, geht aus den Veröffentlichungen nicht hervor. In Deutschland aber sind vor kurzem Versuche in dieser Hinsicht unternommen worden, und zwar von der C. Lorenz A.-G. auf der Autostrasse im Grunewald, zu dem Zweck, den Meldedienst bei Autorennen zu erleichtern.

Die Automobilstrasse im Grunewald, die sich durch dessen ganze Länge hinzieht, ist an verschiedenen Stellen mit Zuschauertribünen ausgestattet, denen gegenüber Meldetafeln aufgestellt sind, auf denen der Stand jedes Wagens nach jeder Runde verzeichnet wird. Auf diese Weise werden die Zuschauer über die Entwicklung des Rennens auf dem Laufenden gehalten, denn bei derartigen Veranstaltungen läßt sich ja die Bahn immer nur streckenweise übersehen, so dass der Zuschauer selbst kein Bild von der Rennlage gewinnt. Die Meldungen laufen von einer bestimmten Stelle aus ununterbrochen ein; sie sollen nach Möglichkeit derart erfolgen, dass sie an allen Tafeln gleichzeitig erscheinen. Diese Aufgabe lässt sich natürlich auf dem Wege der Drahttelephonie leicht lösen. Da aber die Autostrasse, von den Renntagen abgesehen, das ganze Jahr sozusagen ohne Aufsicht ist, kommt eine festverlegte Meldeanlage nicht in Betracht, und die Leitungen jedesmal kurz vor dem Rennen zu verlegen, ist unwirtschaftlich und umständlich, denn die Anlage muss so eingerichtet sein, dass sie nicht nur alle Meldestationen gleichzeitig bedient, sondern auch Rückfragen jeder Stelle gestattet.

Das all diese Schwierigkeiten entfallen, sobald man sich zur Abgabe der Meldungen des Rundspruchs, der Wellentelephonie, bedient, liegt auf der Hand, besteht doch die Bedeutung des Rundspruchs gerade darin, dass man von einer Sendestation aus beliebig viele Empfänger gleichzeitig mit derselben Nachricht versehen kann, die nur einmal in den Sender hineingesprochen zu werden braucht. Auch sind Rückfragen jedes Empfängers ohne Störung der übrigen möglich. Da die erforderliche Reichweite - radiotechnisch gesprochen - gering ist, kann der Sender klein sein; er lässt sich also kurz vor Beginn des Rennens aufstellen und gleich darauf wieder entfernen. Die Aufstellung der Empfänger macht noch weniger Schwierigkeiten; sie sind tragbar und können samt den nötigen Batterien bequem von den zwei Wärtern der Meldestelle befördert werden.

Diese Vorzüge des drahtlosen Meldedienstes wurden von der C. Lorenz A.-G. den interessierten Kreisen im letzten Jahre auf der Grunewald-Autostrasse durch einen Probebetrieb demonstriert. Da die Autostrasse ausserhalb der Berliner Kraftnetze liegt, musste der Betriebsstrom für die Sendestelle durch einen mit einer Wechselstrommaschine gekuppelten Benzinmotor an Ort und Stelle erzeugt werden. Die Stromquelle betätigte einen kleinen Röhrensender, während die Meldestellen mit tragbaren Lorenzschen Röhrenempfängern ausgerüstet waren. Diese Empfänger standen in kleinen Baracken, über denen sich die Meldetafeln befanden (vergl. die Abb. 152 und 153). Die in das Mikrophon des Senders hineingesprochenen Meldungen wurden zur gleichen Zeit von allen Meldestellen aufgenommen und hier laut wiederholt, so dass der Mann an der Tafel sie gleich niederschreiben konnte. Irrtümer kamen nicht vor, hätten sich aber durch Rückfragen leicht richtigstellen lassen, denn die benutzten Empfangsapparate waren so eingerichtet, dass es nur einer Schalterdrehung bedurfte, um sie auf "Sprechen" umzuschalten. Als Ergebnis der Versuche wurde festgestellt, dass der Rundspruch sicher das schnellste und zuverlässigste Mittel ist, um bei Autorennen und ähnlichen sportlichen Veranstaltungen alle daran interessierten Personen dauernd auf dem Laufenden zu halten. Man darf dabei nicht ausser acht lassen, dass die Rundsprüche ja nicht auf die Rennbahn beschränkt sind, sondern in weitem Umkreis aufgenommen werden können. Bei entsprechender Verbreitung der Rundspruchempfänger und genügender Leistungsfähigkeit der Sendestelle kann man die jeweiligen Meldungen also auch anderwärts abhören; dafür werden sich vor allem die Wettbureaus und die Sportredaktion interessieren, die so schneller und sicherer als bisher ihre Nachrichten bekommen.

Die günstigen Versuchsergebnisse gaben Anlass, das Verfahren kurz darauf praktisch anzuwenden. Im Juli 1923 wurden beim Swinemünder Motorradrennen die gesamten Rennmeldungen durch drahtlose Streckentelephone der C. Lozenz A.-G. zur vollsten Zufriedenheit aller Teilnehmer übertragen.

H. G.

Quelle: Die weite Welt, ein Buch der Reisen und Abenteuer, Erfindungen und Entdeckungen; © 1924 by Rascher Cie. A.-G., Verlag, Zürich; Jadu 2001


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