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Die Bezirke

Beim Kutschenkönig von Berlin

Von Prius

Die Reichshauptstadt ist wirklich nicht überall die Stadt der Technik, der neuzeitlichen Anlagen, des nicht endenwollenden Verkehrs. Berlin war, wie jede andere deutsche Groß- oder Mittelstadt, auch einstmals eine kleine, beschaulische Stadt, deren Einwohner Bauern, Fischer, Gewerbetreibende und Soldaten waren. Aus dieser Zeit haben sich viele Straßenzüge und zahllose Bauten bis auf den heutigen Tag erhalten. Soweit sie nicht in der Innenstadt liegen oder den immer machtvoller werdenden Verkehr behindern, bleiben sie stehen und bilden den letzten Rest des alten Berlin.

Im östlichen Teile der Millionenstadt, kurz vor den Rummelsburger Fabriken, befindet sich eine dieser alten Straßen, die neben Familienhäusern noch alte Bauernhäuser zeigen. Hier an einer der alten Ausfallstraßen nach der Oder liegen auch noch Fuhrbetriebe aus einer Zeit, die weder Eisenbahn noch noch Überlandlastwagen kannte. Der Kutscher mit seinem mächtigen Lastwagen, der von vier, mitunter auch von sechs Pferden gezogen wurde, war in diesen Höfen zu Hause. Die Stadt Berlin besitzt heute nur noch vier dieser großen Stallungen. Der einen Stallung wollen wir einen Besuch abstatten, denn sie ist so einzigartig, daß man von ihr berichten muß. Ihr Besitzer ist der Kutschenkönig von Berlin. Dieser ungekrönte König ist Herr über einen Fuhrpark von 300 verschiedenen Fahrzeugen. Angefangen hat er sein Unternehmen allerdings nur mit eine Pferd und einem Wagen. Mit einer Droschke "zweiter Güte", wie der Berliner Volksmund die nicht gerade besten und modernsten Pferdetaxen nannte. Otto Pohl mußte fast dreißig Jahre seines Lebens hindurch Fremde durch die Stadt fahren oder ihre Koffer vom und zum Bahnhof bringen. Dann erst hatte er soviel Geld zusammen, um sich bessere Pferde und schönere Wagen kaufen zu können. Die alte Droschke zweiter Güte stand nun im Hof, denn er und seine Kutscher knallten die Peitsche über prächtigeren Pferden. Im Laufe der Jahre ging es dem Droschkenhalter immer besser. Aus den gemieteten Stallungen zog er in sein eigenes Haus. Seine Pferde standen jetzt auch nicht mehr in einem dunklen Stall, sondern bezogen ihre Wohnung im ersten Stock, denn unten standen nun die vielen Wagen, und diese Leidenschaft ist es, die diesen Wagenliebhaber überall bekannt machte.

Er, der gebürtige Berliner, mußte mit Schmerz sehen, wie Pferdewagen nach dem anderen verschwand. Alte Droschken, Einspänner und Kremser fielen der Vernichtung anheim. Und so kaufte er für wenig Geld die alten wagen. Einmal auf Versteigerungen, dann wieder von einem Bekannten. Einmal in irgendeiner kleineren deutschen Stadt, dann wieder von Gesandtschaften. Auf der großen Versteigerung im Schloß Glienicke bei Potsdam erstand er den gesamten Fuhrpark des Prinzen Leopold. Dann kaufte er von der japanischen Gesandschaft den Galawagen, der einstmals über 30. 000 Mark gekostet hatte. Man bot ihm den neuen Prunkwagen des russischen Zaren an, den er ebenfalls seiner Sammlung einverleibte. Heute stehen alle diese Wagen aus den verschiedensten Zeiten friedlich nebeneinander. Eine echte russische Troika neben einem Biedermeier-Sechserzug, die Gotthardtpost neben einem offenen Landauer, ein französischer Doumontwagen neben einem englischen Jagdwagen, ein alter Planwagen aus Flandern neben einem polnischen Strohflechtgefährt.

Alle diese Kutschen haben natürlich ihre Geschichte, die den Besitzer und Liebhaber dieser alten Wagen begeistern. Selten wird man eine so lehrreiche und anschaulische Kulturgeschichte von Wagen aller Zeiten so schön beieinander sehen. es ist daher durchaus verständlich, wenn häufig Berliner Schulen den Fuhrpark besichtigen, um nun spielend Geschichte zu lernen. Jede Zeit hatte ihren Stil und ihre Technik. Und wer darüber hinaus noch mehr von jedem Wagen wissen will, dem erzählt Herr Pohl, daß er seine Wagen nicht allein zum Vergnügen kaufte, denn so wohlhabend ist er nicht. Zunächst einmal will der Film alte Wagen, die er sich natürlich nicht für jeden Film eigens herstellen kann. Weiter ist die alte deutsche sitte wiedergekehrt, zu besonderen Festen Wagenumzüge zu veranstalten, in denen die alten Wagen eine große Rolle spielen. Zum Weinfest am Rhein, zum berühmten Stralauer Fischzug in Berlin, zur Jubiläumsfeier in Essen und bei anderen gelegenheiten sah man die alten Wagen, die alle dem "Kutschenkönig" von Berlin gehören.

Quelle: Durch die weite Welt; © 1937 by Franckh'sche Verlagshandlung, W. Keller & Co., Stuttgart; Jadu 2001

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