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Geselschaps Kuppelgemälde in der Herrscherhalle des Berliner Zeugenhauses

Text von Ludwig Pietsch. Dichtung von Karl Bleibtreu.


Zu den Bildern

In den unlängst von uns gebrachten Schilderungen der deutschen Ruhmeshalle, in welche das alte Zeughaus zu Berlin umgewandelt worden ist, geschah bereits der Malerei Erwähnung, welche durch Professor Geselschap in der Kuppel, wie in den Schildbogen und Zwickeln, auf denen diese aufliegt, ausgeführt werden und zum Teil bereits vollendet sind. Wir sehen uns gegenwärtig zuerst vor allen andern Blättern in der Lage, unsren Lesern einige Partien aus diesen symbolischen Gemälden in kleinen durch Lichtdruck hergestellten Nachbildungen zu übergeben. Sie werden denen darunter, die nicht Gelegenheit haben, die Originalgemälde selbst zu sehen, wenigstens eine Vorstellung von deren Art und dem Stil geben, worin jener außerordentliche Künstler seine Aufgabe gelöst, seine Gedanken und Anschauungen malerisch verkörpert hat.

Der Hauptteil der Kuppelwölbung ist durch eine ringförmige Frieskomposition zwischen ornamentalen Umrahmungen ausgefüllt. Es ist ein Zug von schwebenden Gestalten, auf Goldgrund gemalt. Leider entbehrt der letztere, dank der Stellung dieser Kuppelhöhlung zu dem Oberlichtfenster, des metallischen Glanzes und wirkt mehr wie ein stumpfgelber Farbenton. Während die vier großen historischen Gemälde auf den unteren Wänden der Halle bedeutende entscheidungsvolle Momente der preußischen Geschichte ganz realistisch und möglichst ihrer wirklichen Erscheinungsform entsprechend schildern, sind diese Geselschapschen Malereien ausschließlich symbolischen Charakters. In jener ringförmigen Frieskomposition werden beide Seiten oder Wirkungen des Krieges, der Glanz und Ruhm des Siegers und das düstere Geschick der Besiegten, Epos und Trauerspiel des Krieges, in großen idealen Zügen ergreifend veranschaulicht.

Wir schlugen Feuer in deinen Helm,
Nun bringen wir dir, o Vaterland,
Wir warfen dich nieder mit sausendem Speere —
Die Räuberadler der stolzen Feinde —
Du höhnischer Erbfeind, prahlender Schelm,
Und nehmen wieder den Pflug zur Hand,
Zerbrochen liegt deine prunkende Wehre.
Als Bürger wieder der Bürgergemeinde.
Die Scharten in unsrem alten Schild,
So lang unsre Tuba in Not und Gefahr
Wir wetzten sie aus mit schneidigen Klingen,
Aufbietet die Bürgerlegionen,
Als unsre Schlachtenadler wild
So lange wird unsres Reiches Aar
Den Fittich spreizten auf Sturmesschwingen.
Als Weltgebieter gewaltig thronen.

 


Es schweben Stunden herab zur Erde
In der schleppenden Zeit eintöniger Qual,
Wo durch finstres Chaos ein mächtiges Werde
Dem Licht zujauchzt wie beim Schöpfungsstrahl.
Da spricht die verschleierte Weltgeschichte,
Die stumme Sphinx, mit Sehermund —
Andächtig lauschend dem Weltgerichte,
Wird uns die sittliche Ordnung kund.
Zur Dichtung wird das nüchterne Leben
Und Wunden geschehn vor des Zweifels Spott,
Pfingstzugen das kälteste Herz durchbeben:
Es lebt der alte, es lebt ein Gott.
So rauschen sie hin auf Seraphschwingen,
Es tönt die Lyra der Poesie —
O Vaterland, soll sie verklingen?
Vergesse die Genien-Stunden nie!

Der Eingangstür gegenüber beginnt und schließt die Komposition. Dort schwebt als Zugführerin der einen Hälfte die erhabene Gestalt des Epos, die Posaune in der Linken tragend, den aufspringenden Löwen zur Seite, voran einer Gruppen von Tuben, Hörner und Posaunen blasenden Kriegern, dem Vortrab des triumphierenden Imperators. Ein hoch bäumendes Viergespann feuriger Rosse, welchem der Wasserträger des Siegers zur Seite schwebt, zieht dessen Quadriga. Neben seinem Wagenlenker steht darin die herrliche Heldengestalt auf das lange Szepter gestüzt, in der rechten den Helm tragend, das kühn geschnittene Antlitz zurückgewendet zu der ihm nachschwebenden Viktoria, welche den Lorbeerkranz auf sein krauses Haupthaar senkt. Dieser Gruppe folgt ein Trupp von Kriegern. Sie tragen einen mit Trophäen belasteten Schild und eroberte Feldzeichen und grüßen jauchzend ihren Heldenführer.

Zwei holde weibliche Genien schweben zunächst daher. Die eine singt zum Saitenspiel der Harfe in ihren Händen das Lied zu des Siegers Ruhm. Die andre streut Blumen und Lorbeerzweige aus den Wolken zur Erde herab. Diese wendet das liebliche, lorbeerumkränzte Antlitz über die Schulter zurück zu der heranbrausenden Gruppe von Kriegern hoch zu Roß, in deren Mitte eine Bellona daher sprengt, in der vorgestreckten Hand wie jene Viktoria den Siegekranz für den Imperator schwingend. Diese Reitergruppe schließt als Nachhut gleichsam diese epische Hälfte des ganzen Zuges. Der andern vorauf schwebt die Muse der Geschichte in der Gestalt eines ernsten, hoheitsvollen Weibes, Tafel und Griffel in der rechten, mit der Linken den Schleier ihres mit dem Eichenkranz geschmückten Hauptes zurückschlagend, Antlitz und Blick nach rückwärts gewendet, feierlich daher, zu ihrer Seite der alte Gott der Zeiten, ein geflügelter Greis, das Rad vorwärts wälzend, das keinen Stillstand kennt. Was diese Muse schaut, ist die Tragödie des Sturzes und Unterganges stolzer Herrschermacht. Auch hier folgt, von bäumenden Viergespann gezogen, ein Wagen daher. Aber in ihm sitzt ein greiser König und an ihm geschmiegt sein Weib von Schmerz überwältigt, in sich zusammengesunken. Über ihnen schwebt der Dämon der Rache und bricht den Stab des Gerichts über den Haupt des Gestürzten. Das Urteil ist gefällt und der Spruch des Schicksals vollzogen. Ein zur Seite schwebendes junges Weib, die Verkörperung der treue, hält sich am Rande des Wagens und küßt erfuchrtsvoll die mit der Rechten ergriffene Hand des unglücklichen entthronten Herrschers.

Eine Mutter, den Säugling auf den Arm, an deren Gewand sich angstvoll jammernd ihr größerer nackter Knabe hält, stellt in sich das Elend dar, welches der männermordende Krieg und die Niederlage über die Frauen und Mütter des Reiches gebracht hat. Weherufend reckt sie Hand und Arm gegen das Königspaar aus. Über ihr schwebt fraßgierig ein Geier. Gefangene, Gefesselte, meist afrikanische barbarische Typen, mit düsteren schmerzerfüllten Mienen, schweben hinter dieser Gruppe dem Wagen nach. Im Vordergrund aber kommt die Gestalt der tragischen Muse, die Maske in der Rechten, den Dolch in der Linken, volldüstere Majestät und erhabener Ruhe in der Bewegung auf den Wolken daher.

 

Unmittelbar daran schließt sich die Gruppe: noch zwei von jenen gefangenen Barbaren sehen wir darauf; römische Krieger, teils halb nackte Gestalten voll Kraft und Mark, schweben heran, an starken Seilen ein Gefährt nach sich ziehend, welches annähernd die Gestalt eines Schiffbugs zeigt. Es trägt einen sieghaften Seehelden. Das Ruder in der Rechten hält er wie eine Waffe über der Schulter; in der Linken eine Statuette des Poseidon. Seinem Wagen nach schwebt eine Gruppe Nereiden. Sie schließt den Zug und damit den Ring der ganzen Frieskomposition. Ich kenne keine Schöpfung moderner Monumentalmalerei, welche diese an Größe des Stils und zugleich an blühender Schönheit überträfe. Alle diese symbolischen Wesen zeugen wohl über das menschliche hinaus gesteigerte Formen, einen idealen Schwung der Linien; aber es sind dennoch keine fleisch- und blutlosen Schatten, wie die Mehrzahl der von unsren älteren deutschen idealistischen Kartonzeichnern gebildeten. Diese hier sind von warmem Leben durchpulst und offenbaren in jedem Teil ihrer prachtvollen Leiber ihres Malers gründliches Studium der Natur, seine innige Vertrautheit mit ihr, seine begeisterte Liebe für sie.

Auch sind sie nicht als Konturen oder oder grauschattierte Zeichnungen gedacht, die dann koloriert wurden, sondern von Haus aus in farbiger Erscheinung der Phantasie des Malers aufgegangen. Die ruhige Harmonie des wohl abgestimmten Tones entspricht der sich in schönen Rhythmus bewegenden, wohlabgewogenen linearen Kompositionen und Gruppierung. Die symbolischen Einzelgestalten in den kreisrunden Feldern auf den Zwickeln der, die Kuppel in den vier Ecken stürzenden, Wölbungen sind gleichfalls farbig gedacht.

In dieses Lebens wirrsaltoller Brandung
Ein Leuchtturm strahlt, vor jedem Sturm gefeit —
Dort in der Weisheit Seherin-Gewandung
Thront wahrheitspendend die Gerechtigkeit.
Das Richterschwert in ihrer sichern Rechten,
In ehrner Wage messend, was geschehn —
Die unter ihrem Weiheblicke fechten,
Die siegen stets, auch wenn sie untergehn.

 

Das, was in ihnen verkörpert wird, sind jene Tugenden, welche man immer als die ersten und wichtigsten jedes Regenten erklärte: die Gerechtigkeit, die Stärke (oder Tapferkeit), die Mäßigung und die Weisheit. Es sind Gestalten desselben Stils, wie die jenes Frieses: einfach, groß, ruhe- und hoheitsvoll, von übermenschlich mächtigem Gliederbau, aber weder hart noch plump, sondern in all ihrer Mächtigkeit der weiblichen Anmut keineswegs entbehrend. Jeder von ihnen ist ein nackter Knabe, beigesellt, welcher dem Bilde der sitzenden Einzelgestalt jene Fülle und Anrundung gibt, die durch den Kreisform der Felder bedingt und erfordert wird. Die Gerechtigkeit ist thronend dargestellt, die Waage in der etwas erhobenen Linken, in der Rechten das drohende Schwert des Gerichts mit aufrecht gerichteter Klinge haltend. Auf stolzem Halfe sitzt der edle, von einem turbanähnlichen Tuch umwundene Kopf, dessen Augen, ohne den Ausdruck irgend eines leidenschaftlichen Empfindens, ernst und ruhig auf die Blätter des aufgeschlagenen Gesetzbuchs zu blicken scheinen, welches ein, neben der Göttin rechtem Schenkel aus den Wolken aufragender, bis über die Hüften hinab nackter, Genienknabe ihr entgegenhält.

Die Stärke wird repräsentiert durch eine einer römischen Minerva oder Bellona sehr ähnliche, gedrungene Frauengestalt. Das behelmte schöne Haupt hat sie gegen die rechte Schulter hin gewendet und blickt scharfen Auges wachsam und entschlossen nach jener Seite hin, als on sie nach Feinden ausspäht, die sich ihn nahen wollten. Über den Panzer, dessen Schulterstücke aus Löwenköpfen gebildet sind, ist ein, in prächtigen Motiven drapierter, Mantel geschlagen, welcher den abwärts gehaltenen kraftvollen Arm freiläßt. Dessen Hand hat den Griff des mit der Spitze gegen den Boden gekehrten Schwertes umfaßt. Die Linke hält einen laubigen Eichenast wie eine Waffe über die Schulter gelegt.

Auf dem linken Schenkel, der durch das Auftreten dieses Fußes auf eine höhere Thronstufe höher gerückt ist, sehnt mit beiden Armen, angeschmiegt an Seite und Brust der Göttin, Kopf und Blick in gleicher Richtung wie der ihrige gewendet, ein nackter Knabe, von so kraftschwellenden Formen wie ein Herakles im Kindesalter. Der Gestalt der Mäßigung hat der Maler das Attribut belassen, durch dessen Beigabe die bildende Kunst von altersher das Wesen und die Wirkung dieser Tugend zu charakterisieren pflegte: Zügel und Gebiß. Sie hält dieselben in der etwas erhobenen Linken, während ihre Rechte auf dem Oberrand der neben ihr stehenden, mit einem Plan bezeichneten Tafel ruht. Ein nackter Knabe kniet neben ihr, lehnt an dem über den rechten Schenkel geschlagenen linken der sitzenden Gestalt, und blickt sprechend zu ihrem ernsten Antlitz auf, indem er mit beiden Händen abwärts weist — auf die Menschenwelt, welches des Zügels immer bedürftig ist und durch den Mangel der Mäßigung am häufigsten sündigt.

Die Gestalt der Weisheit hält auf dem Schoß das aufgeschlagene Buch, blickt mit dem Ausdruck des Zweifels und scharfen Prüfens zur Seite und hält den geflügelten Genius mit der Linken umfangen, der auf der Hand die Lampe trägt und über dessen lockigem Haupt das Flämmchen schwebt, wie über den Häuptern der Apostel, als der göttliche Geist über sie ausgegossen ward. Diese symbolischen Gestalten scheinen mir unter allen, welche die moderne Kunst geschaffen hat, denen zumeist geistes- und stilverwandt, welche Raffael an den Decken der von ihm dekorierten vatikanischen Stanzen malte. Wie diese treten auch die Geselschapschen aus schimmerndem Goldgrunde hervor, welcher rings um sie den frei gelassenen Raum der Medaillons deckt. Ihr Maler hegte eine Zeitlang, nachdem ihre Ausführung bereits vollendet war, die Absicht, es würde günstiger für die ganze Stimmung der Kuppeldekoration sein, wenn er diese vier Gestalten farbloser halte; und er plante bereits ihre nochmalige Übermalung. Aber er hatte schließlich diesen Gedanken aufgegeben und nach meiner Überzeugung jedenfalls nicht zum Schaden seiner Schöpfung.

 

Quelle: Schorers Familienblatt, 1885, von rado jadu 2001

Friedrich Geselschap



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