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Internationale Studentische Presse-Agentur

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Austauschstipendiaten bevorzugt
Regulär Studierende müssen draußen bleiben

· Vorstand des Studentenwerks billigt Vermietungsstop für regulär Studierende ab 15. Juli
· Unterbringung in Berliner Studentenwohnheimen nur noch für Austauschstipendiaten
· Geschäftsführer des Studentenwerk Berlin plant die Umwandlung des Studentenwohnheims „Siegmunds Hof“ in ein Stipendiatenwohnheim für 18,5 Millionen trotz leerer Kassen
· Nächste öffentliche Vorstandssitzung des Studentenwerks am 03. Mai, 14 Uhr, im Sitzungsraum des Mensagebäudes der TU, Hardenbergstr. 34, 1. Stock.

Nachdem der Senat gegenüber dem Studentenwerk eine Zuschusskürzung in Höhe von 28 Millionen DM im vergangen Jahr durchgesetzt hat und die Abwicklung des Studentendorfs „Schlachtensee“ beschlossene Sache zu sein scheint, verschärft sich die Situation für regulär Studierende durch die bevorzugte Unterbringung von Stipendiaten.

Über 800 Stipendiaten aus dem Ausland wurden für die Dauer ihres kurzfristigen Aufenthalts bisher in dem Zehlendorfer Studentendorf „Schlachtensee“ untergebracht. Da der Senat sich von dem Verkauf dieses Filetgrundstücks ein lukratives Geschäft verspricht, besteht jetzt ein Unterbringungsproblem, welches der Geschäftsführer des Studentenwerks, H.J. Fink zu Lasten der regulär Studierenden zu lösen beabsichtigt. Der Vorstand des Studentenwerks billigte bereits während der Semesterferien einen Vermietungsstop von Wohnheimplätzen gegenüber regulär Studierenden. Da frei werdende Apartments ab 15. Juli für Austauschstipendiaten reserviert werden, haben regulär Studierende, die sich wohnungssuchend an das Studentenwerk wenden, keine Chance. Der vom Geschäftsführer des Studentenwerks billigend in Kauf genommene Einnahmeverlust durch den reservierungsbedingten Leerstand in Höhe von geschätzten DM 200000,- ist betriebswirtschaftlich in Anbetracht der leeren Kassen des Studentenwerks nicht zu vertreten. Dass betriebswirtschaftliche Kriterien im Entscheidungsverfahren des Studentenwerks offensichtlich nur eine untergeordnete Rolle spielen, beweist das jüngste Vorhaben: Das in Charlottenburg, am Spreebogen gelegene Wohnheim „Siegmunds Hof“, soll in ein reines Stipendiatenwohnheim umgebaut werden. Die von dem Architekten Dr. Ruthenbeck vorgelegte Studie kalkuliert die Kosten für die erforderlichen Umbaumaßnahmen auf 18,5 Millionen DM.

Obwohl das Studentenwohnheim "Siegmunds Hof" nicht zu jenen Wohnheimen gehört, die mit Komfort-Apartments (Apartments mit eigener Küchenpantry sowie eigener Toilette und Naßzelle) ausgestattet sind, erfreut sich dieses Wohnheim bei den deutschen und ausländischen Studenten großer Beliebtheit. Entsprechend groß ist die Nachfrage. Und wer hier erst einmal eine möblierte Bude für eine Monatsmiete in Höhe ab DM 280,- gefunden hat, der bleibt, solange es die mietvertraglichen Rahmenbedingungen des Studentenwerks erlauben. Für dieses Studentenwohnheim spricht nicht nur die zentrale Lage, die Nähe zur Technischen Universität sowie die Anbindung an das öffentliche Verkehrsnetz, sondern auch die herausragende gemeinschaftliche Infrastruktur, die von engagierten Studenten ins Leben gerufen wurde und gemeinnützig am Leben erhalten wird: PC-Pool, Fitnessräume, Musikübungsräume, einen Bierkeller für das gesellige Beisammensein, ein Fotolabor, selbst ein Bootsverleih und viel anderes steht den studentischen Mietern uneingeschränkt zur Verfügung und bildet die Grundlage für ein gut funktionierendes gemeinschaftliches Leben.

In den Augen der studentischen Selbstverwaltung "Siegmunds Hof" e.V. entbehrt die gegenwärtige Wohnheimpolitik jeglicher Logik. Durch die finanziellen Restriktionen des Senats - im vergangenen Haushaltsjahr hat der Senat seine finanziellen Zuschüsse gegenüber dem Studentenwerk über 50% gekürzt - konnte die Instandsetzung eines anderen Studentenwohnheims in der Storkower Strasse nur zur Hälfe fertig gestellt werden. Der Rest ist nicht vermietbar. Auch können nach Aussagen des Studentenwerks keine Mittel für dringend erforderliche Modernisierungen in anderen Wohnheimen bereit gestellt werden. Da stellt sich zwangsläufig die Frage, wie ein solches Projekt finanziert werden soll. Die studentischen Mieter befürchten, dass die Finanzierung durch Mieterhöhungen und eine Erhöhung der Sozialbeiträge "abgesichert" werden soll. Selbst wenn die benötigten Mittel in Höhe von 18,5 Millionen vom Senat oder den Hochschulen bereit gestellt werden sollten, könnten diese Ausgaben vermieden werden: Ein Großteil der Kosten entsteht durch den Umbau der Studentenbuden in Apartments mit Nasszellen (eigene Toilette und Dusche) und Kochnischen. In anderen Wohnheimen ist genau diese Ausstattung bereits vorhanden, so dass sich zwangsläufig die Frage stellt, warum sich der Geschäftsführer des Studentenwerks für dieses Wohnheim entscheidet. Die Studentische Selbstverwaltung wird sowohl den Landes- als auch den Bundesrechnungshof sowie den Bund der Steuerzahler informieren und um kritische Prüfung bitten.

Unabhängig von der Frage nach der Standortwahl hält die Studentische Selbstverwaltung die konzentrierte Unterbringung von ausländischen Stipendiaten in einem Studentenwohnheim für unsinnig: Stipendiaten sollen gerade sozialen und kulturellen Anschluss in dem Gastland finden, das sie „betreut“. Durch die Kasernierung in einem „Stipendiatenghetto“ wird jeder soziale Integrationsversuch bereits durch die Art der Unterbringung verhindert.

Der wichtigste Kritikpunkt bezieht sich jedoch auf die verschärfte Konkurrenzsituation bei der Wohnungssuche zwischen regulär Studierenden und Austauschstipendiaten. Durch die bevorzugte Unterbringung von Austauschstipendiaten ist zu befürchten, dass insbesondere regulär Studierende, die aus dem Ausland nach Berlin kommen und hier einen Studienabschluss anstreben, auf der Strecke bleiben. Gerade dieser Personenkreis hat es ohne Verdienstbescheinigung, ohne Stipendium und ohne Bürgschaft ganz besonders schwer, auf dem freien Wohnungsmarkt eine preiswerte, möblierte Unterkunft zu finden. Eine möblierte Studibude kostet in Berlin durchschnittlich DM 275.- inklusive Zentralheizung und Warmwasser. Nicht zu vergessen ist die Infrastruktur der Wohnheime (vom Clubräumen bis hin zu PC-Pools), die ein gemeinsames Miteinander von ausländischen und deutschen Studenten ermöglichen.

Diese Konkurrenz zwischen Austauschstipendiaten und regulär Studierenden müßte nicht sein. Das Goethe-Institut bietet beispielsweise seinen Kursteilnehmern ein Zimmervermittlungsservice an: Wer für die Dauer eines Sprachkurses keine Unterkunft hat, kann sich beispielsweise in eine Familie oder WG vermitteln lassen. Und um ganz auf Nummer sicher zu gehen, führt das Goethe-Institut unter seinen Kunden Zufriedenheits-Analysen durch, die sich nicht nur auf den Sprachunterricht, sondern auch auf die Unterbringung beziehen.

Und obwohl auch diese alternative Möglichkeit der Unterbringung von Austauschstipendiaten dem Vorstand des Studentenwerks vorgetragen wurde, ist nicht einmal eine Überprüfung dieser Möglichkeit in Betracht gezogen worden!

Für die SSV Siegmunds Hof steht fest, dass es viele Möglichkeiten gibt, ausländische Studenten, die sich hier länger als drei bis sechs Monate aufhalten wollen, zu vergraulen: Ihnen die Möglichkeit einer preiswerten Unterkunft in einem sozial-integrativen Umfeld bewußt vorzuenthalten, ist ein Weg von mehreren. Ausländerfeindlichkeit hat viele Gesichter.

Auch wenn die SSV Siegmunds Hof befürchtet, daß das Wohnheimsterben nicht die notwendige mediale Öffentlichkeit findet, hoffen sie dennoch, daß die nächste Vorstandssitzung des Studentenwerks auf journalistisches Interesse stößt (Donnerstag, dem 03.05 um 14.00 Uhr , im Sitzungsraum des Mensagebäudes der TU, Hardenbergstr. 34, 1. Stock).

Weitere Information zur Situation „Berliner Wohnheime“ findet Sie im Internet unter: www.jadu-studies.de/.

Sten Gatzke & Thomas Rudek
Berlin, d. 30.04.01

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