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Höhenrausch

Gedanken über den Höhenweltrekordflug. Von Carl Marilaun.

Ein Flieger wirft eine Zigarette weg, man knöpft ihn in seinen braunen Mechanikerkittel, stülpt ihm den Lederhelm übers Gesicht, und gutes Mutes zwängt er sich auf das schmale Henkersbänkchen, Pilotensitz genannt, das in diesen letzten Jahren für viele Hundert seiner Kameraden der Umsteigeplatz in die Ewigkeit geworden ist.

Unser Flieger nimmt Abschied von seinen Freunden. Und schon setzt der Motor mit seinem wütend trommelnden Tok-Tok ein, die Schraube beginnt sich zu drehen, ein Zittern läuft durch die prallgespannten, grätigen Flügel des Zweideckers, und jetzt rollt er durchs Feld, hopft ziemlich erbarmungswürdig in ein paar Rasenlöcher , und eben, da einem der zuschanden gerumpelte Held in der Lederhaube ein bißchen leid zu tun anfängt, springt die spinnbeinige Riesenheuschrecke mit einem runden Anlauf in das, was der neunzehnjährige Siplonüberflieger Geo Chavez mit seinem hellsten Knabenlächeln "das blaue Loch" zu nennen liebte. Alle Schwere scheint nun von der ungefügen Maschine genommen, der Sturm des Motors tönt wie eine Riesenorgel, und in den ersten Sonnenstrahlen des Julimorgens schwingt sich der Zweidecker des deutschen Fliegers Heinrich Oelerich (siehe Abbildung oben) über die verlassene, die bezwungene, die geliebte Erde. Nun gleicht er einem ins Blau stoßenden Raubvogel, der sich in steilen Kreisen zur Firnhöhe emporschraubt und das schreiende Gezücht von Spatzen und Schwalben unter sich läßt. Nun ist er nur noch eine zur Sonne sich tummelnde Libelle, eine Fliege, ei Nichts ... und eine halbe Stunde nach dem Start ist der Flieger spurlos verschwunden in den blauen Regionen des Luftgottes, der ihm gnädig sein möge. Grenzenlos wölbt sich der Sommerhimmel über dem besonnten Grün der Landschaft, ein paar Freunde stehen mit emporgestreckten, schmerzenden Hälsen im Feld, aber noch der schärfste Triëder verrät keinem menschlichen Auge mehr, daß dort oben im blauen Tag ein gewisser Herr Heinrich Oelerich den Turmfalk und Adler zuschanden fliegt und aus Himalajahöhen zur überwundenen Erde herabblickt.

Stunden vergehen, und der Entflogene kommt zurück. In steilen Kreisen dreht er sich zur Erde herunter, wieder wie ein stürzender Falke, ein seine Schwingen mächtig dehnender Raub- und Stoßvogel - und nun sieht das Auge schon die grätigen Verspreizungen der Doppelschwingen, die Sonne blitzt in der Metallhaube des Motors, der Sturm der Maschine donnert aus den Lüften, und aus dem schmalen Schiff von Leinwand und Stahl grüßt mit den verklammten Händen der Sieger. Man schnallt ihn von seiner Heldenbank, ladet ihn im Triumph auf ein Automobil, aber der Held verlangt zuerst eine Zigarette, nimmt seelenvergnügt die Glückwünsche seiner Freunde entgegen und läßt sich das Barometer aus dem Apparat bringen. Achttausendeinhundert Meter! der Interviewer kommt; er braucht die Neuigkeit fürs Abendblatt, und in einer Viertelstunde klingen die telegraphendrähte der Welt von dem Höhenweltrekord, mit dem sich ein deutscher Flieger ein bißchen Unsterblichkeit erflogen hat.

Acht Kilometer über der Erde! So oder ähnlich hätte man in den achziger Jahren (des 19. Jhd.; Amn. d. Red.)vermutlich eine gelungene Jules Verniade überschrieben, und die achttausendeinhundert Meter des Fliegers Oelerich wären in dem weiten Leserkreis Jules Vernes nicht minder berühmt als die zwanzigtausend Meilen unterm Meer geworden. Aber man weiß ja: unsere Techniker haben sich in den Kopf gesetzt, die romanschreiber zu beschämen, und auch der talentvollsten Phantasie wird auf die Dauer nichts übrigbleiben, als vor den Schwingen eines Rekordfliegers ihre eigenen Flügel zu streichen. Märchenerzählende Großmütter fabelten von einer Reise zum Mond. "Fünf Wochen im Ballon" war einer von den Romanen, an denen Leihbibliothekare und Verlagsbuchhändler reich werden konnten, "Zwanzigtausend Meilen unterm Meer" blühte als eine Art blauer Romantikerblume für die Kinderstube. Das Märchen vom Achttausendeinhundertmeter-Flug des deutschen Piloten setzt unsere Gemüter eigentlich weit weniger in Bewegung; unsere Tage haben das Wunder entnüchtert, das Unmögliche steht im Nachrichtenteil der Zeitung, und wir wundern uns kaum mehr über den neuen Helden, die von Flugzeugfabrikanten mit einer Monatsgage engagiert, vom Manager einer Flugwoche gemietet werden wie ein Kinostar, ein Tenor oder ein edles Rennpferd. Wir lesen bei der Morgenzigarre vom Achttausendeinhundertmeterflug, aber es ist keineswegs Grauen, das uns überwältigt, und wir halten uns höchstens bei den runden Nullen des Preises auf, der den Flieger - hoffentlich - erwartet. Wir haben nicht sehr viel übrig für Waghalsigkeiten und Heldenpose und enthusuasmieren uns bestenfalls für die Leistung. Nämlich für die Leistung des Motors, für das Flugzeug der Firma Soundso. Daß die Flügel des Zweideckers nicht brachen, die Spanndrähte nicht rissen, die Schwingen sich nicht knirschend nach oben bogen; daß die Maschine in 8000 m Höhe ihre volle Tourenzahl auszuhalten vermochte, bewegt uns beinahe mehr als die immerhin nicht gut wegzuleugnende Tatsache, daß ein Mensch in dem grauenhaft schwanken Schifflein saß und sein Henkersbänkchen mit dem entsetzlichen Passagier teilte, der aberhundertmal schon mit unbarmherzigen Knochenhänden die Steuerung nach unten, von Wolkenhöhen sechs Schuh tief unter die blühende Erde gerissen hatte ...

Nein, mit solchen Sentimentalitäten geben wir uns nicht ab; der Held bezeiht sein Monatssalär, er bekommt die ausgestandene Todesangst in Mark und Pfennigen ausbezahlt, und jeder geschlagene Rekord bedeutet für ihn die Erhöhung seines Fixums, einer anerkennenden Händedruck seines Chefs und - nebenbei - eine Unsterblichkeit, die vielleicht acht Tage dauert. weil in acht Tagen jeder noch so unwahrscheinliche Rekord überboten und jede Höchstleistung von irgendeinem anderen Todesmutigen eingeholt und überholt wird. Was einem Bléroit, den Brüdern Wright, was dem guten Jungen Chavez, dem lustigen Latham, Roland Garros, Legagneur, den deutschen Stöffler, Hirth, Linnekogel, zuletzt dem vom Höhenrausch über sie alle entführten Oelerich gelang, hätte vor tausend Jahren ihre Namen zu den Sternen erhoben und der fernsten Nachwelt als Legende überliefert. Im Jahrhundert des Flugs sind sie kaum mehr als die engagierten Vertreter ihrer Firma, und die fast stündlichen Wettkämpfe in den Lüften sind letzten endes Tuelle, die Konkurrenzfirmen miteinander ausfechten. Dädalus wurde, berühmt allein, weil er fiel. Wir aber dichten keine Heldengesänge, und nicht Klio schreibt die Namen unserer Helden auf ihre steinernen Tafeln, sondern dieser Name steht mit Tinte und Streusand in einem Geschäftskontrakt, und der Heros ist ein Angestellter, den man entlassen kann.

Nein, man barucht wirklich nicht im mindesten sentimental zu werden, weil nun wieder ein Flieger auf zwei leibhaftigen Flügeln die gedankenflüge unserer Dichter in zwei Stunden glatt überflog. ein neuer name steht im Märchenbuch unserer Gegenwart, ein wagnis ist gut ausgegangen, und wahrscheinlich wa es übrigens gar kein wagnis, sondern dieser Flug ist bis zur letzten Umdrehung des Propellers vorbereitet, trainiert und ausgerechnet gewesen, und Herr Oelerich erledigte sein Pensum wie der Lokomotivführer, der um ein Uhr zwanzig abzufahren hat und das Märchen vom Siebenmeilenstiefel nach einem Eisenbahnfahrplan installiert.

Freilich unserem simpleren Laienverstand wird der Flieger Heinrich Oelerich und alle, die vor ihm und nach ihm dem Rekord ihr Leben zum Pfand setzen, ein ins Heroische verschlagener Wagemensch bleiben. Wir glauben an das Märchen vom Höhenrauschm und der Angestellte im Mechanikerkittel und der Lederhaube bleibt für uns der held, dessen Flug tausendmal in den Betrieb unseres ernüchterten und des Wunders entwöhnten Zeitalters eingeordnet sein - jeder Flieger, der seine von der Sonne vergoledten Schwingen gen Himmel richtet, gibt uns in einer glücklichen Stunde den Glauben an ein Ideal zurück.

Quelle: Reclams Universum, Weltrundschau 1914;© Jadu 2001

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