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Mittelalter - Index

 

Die arabische Kultur

 

Unter der Bezeichnung "arabische Kultur" verstehen wir jene Kultur, die von den Arabern selbst geschaffen worden ist. Fälschlich wurde diese Bezeichnung früher auch für solche Kulturen gebraucht, deren Schöpfer verschiedene mittelalterliche Völker des Orients waren, die sich zum Islam bekannten und zeitweilig unter arabischer Herrschaft standen.

Die arabischen Eroberer, die im 7. und 8. Jahrhundert ihre Herrschaft über viele zivilisierte Völker in Asien, Afrika und Europa ausgedehnt hatten, erhoben ihre Sprache zur Staatssprache. Die Eroberer und ihre Nachkommen besaßen unbeschränkte Macht über die unterworfene Bevölkerung, und sie verkehrten mit ihr ausschließlich in arabischer Sprache. Da es nur eine offizielle Sprache gab, bedienten sich mit der Zeit auch die Gelehrten und Schriftsteller der unterworfenen Völker der arabischen Sprache in Wissenschaft und Literatur. Arabisch lernten auch die Feudalherren und Städter, die in ein Dienstverhältnis zu den Arabern traten und den Islam als die Religion ihrer Gebieter annahmen.

Die arabische Sprache, die Sprache des Korans und andere Werke der muselmanischen Literatur, verbreitete sich mit dem Islam. Alle gläubigen Muselmanen, sowohl Araber wie Nicht-Araber, hielten das Arabische für die heilige Sprache Allahs; denn der Koran war ihnen "das Wort Gottes". Im Koran sahen sie nicht ein gewöhnliches Werk der arabischen Literatur, sondern vielmehr ein Buch, das sich schon vor Erschaffung der Erde und Menschen bei Allah fertig vorfand.

So konnte im Mittelalter die arabische Sprache in Länder mit islamischem Einschlag verschiedene Landessprachen verdrängen. Vertreter hoher Kulturen, die sich bei den Völkern Mittelasiens und des Kaukasus entwickelt hatten, auch Dichter und Gelehrte unter den Persern, Syrern (oder Aramäern), Kopten, Juden, Berber, Westgoten und andere Völkern machte sich unter der Herrschaft der Araber deren Sprache zu eigen, weil sie ihnen als Sprache der schönen Literatur, der Wissenschaft, der Philosophie und Theologie galt. In den Schulen wurde gleichfalls in arabischer Sprache unterrichtet. In den meisten Ländern des Nahen und Mittleren Ostens kam der arabische Sprache eine größere Bedeutung zu als zum Beispiel der lateinischen im mittelalterlichen Westeuropa; denn Latein war keine Umgangssprache, und es fand nur bei der Abfassung von Urkunden, Chroniken und gelehrten Schriften Verwendung, während das Arabische im Orient eine lebende Vekehrssprache war.

Die arabische Sprache wurde also zum Ausdruck verschiedener mittelalterlicher Kulturen und Literaturen des Orients. Die eigentliche arabische Kultur war nur eine dieser Kulturen. Es ist durchaus falsch, unter arabischer Kultur auch das Kulturerbe zu verstehen, das beispielsweise die Usbeken, Tadshiken, Aserbeidshaner und andere sowjetische und ausländische Völker ihr eigen nennen, und das lediglich aus dem Grunde, weil ihre Vorfahren arabisch schrieben. Ausschlaggebend ist schließlich die Frage, zu welchem Volk ein Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler gehörte und für welches Volk er wirkte, nicht aber die Frage nach der Sprache, in der er seine Dichtungen oder gelehrten Untersuchungen schrieb. Darum rechnen die sowjetischen Gelehrten die kulturellen Errungenschaften der Nicht-Araber (mögen sie auch arabisch geschrieben sein) mit Recht zur Geschichte der Kultur jener Völker, die auf dem Gebiet der Wissenschaft und Kunst etwas geleistet haben. Zum Inhalt der arabischen Kultur gehört nach der Auffassung unserer Gelehrten lediglich das, was die Araber selbst geschaffen haben.

Schon im Altertum, im 1. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, besaßen die Araber eine eigene hohe Kultur. Diese altarabische Kultur entstand in Jemen und den benachbarten Gebieten Südarabiens. Die in diesen Gebieten ansässige Bevölkerung, die neben Acker- und Gartenbau Handel und Gewerbe betrieb, redete eine eigene, dem Arabischen verwandte Sprache. Sie erfand auch eine besondere Buchstabenschrift, die uns in manchen Inschriften an Felsen, an Palast- und Tempelmauern, an Grabmälern überliefert ist; auch Aufzeichnung und Urkunden aller Art, in Stein und auf Metalltäfelchen geritzt, sind uns erhalten. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung Arabiens waren Nomaden, und daher konnte die hohe Kultur des Südens nur geringe Einflüsse auf das ganze Land ausstrahlen. In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung geriet die Kultur Südarabiens in Verfall; die Fläche des bebauten Landes verringerte sich, viele Gebäude verwandelten sich in Ruinen, ein Teil der Bevölkerung wanderte nach dem Norden ab. Es gab nur noch wenige Menschen, denen die alten Inschriften verständlich waren. Die eingeborene Bevölkerung hatte die Errungenschaft ihrer in der Kultur so hochstehenden Vorfahren vergessen, und von der Vergangenheit des Landes berichteten nur noch Legenden und Märchen.

Im nördlichen Arabien, an den Grenzen der Syrischen Wüste, gerieten die Araber unter den Einfluß ihrer zivilisierten Nachbarn, der Griechen, Aramäer und Perser. Aus den ersten Jahrhunderten haben sich Reste einer hochentwickelten Kultur erhalten, an deren Aufbau die Nordaraber beteiligt waren. Heute noch wird der Blick des Wanderers von den majestätischen Ruinen solch prächtiger Städte wie Petra, deren Ruinen im heutigen Jordanien zu sehen sind, und Palmyra gefesselt. Petra war eine natürliche Bergfestung, und die Einwohner baute ihre Behausung, die schöne, säulengeschmückte Fassaden aufwiesen, ins Felsgestein hinein. Palmyra lag zwischen Damaskus und dem Euphrat in einer blühenden Oase, an der Kreuzung von Karawanenstraßen, und der Durchfuhrhandel brachte den unternehmungslustigen Städtern bedeutenden Gewinn. Palmyrus hohe Kultur, von der die großartigen Ruinen und die Inschriften an ihnen künden, war ein Werk der Aramäer, doch auch die Araber, zu deren Herrschaftsbereich Palmyra gehörte, trugen ihren Teil dazu bei. Die Masse der Araber jedoch waren nicht nur im Altertum, sondern auch im frühen Mittelalter noch Barbaren. Erst im 6. und 7. Jahrhundert trat die Stammbevölkerung Arabiens in das Stadium der Zivilisation. In den Städten wie Mekka zeigten sich Anfänge eines Schrifttums, doch war die Zahl der Schreibkundigen sehr gering. Bald nach den Tod Mohammeds wurde es notwendig, den Koran aufzuschreiben, und man begann, wie die Überlieferung behauptet, nach Schreibmaterial zu suchen; solches lieferten flache Ziegelsteine, Stiele der Palmenblätter und Schulterblattknochen der Kamele.

Als die Araber im 7. und 8. Jahrhundert große Länder eroberten, standen sie auf einer Kulturstufe, die bedeutend niedriger als die der unterworfenen zivilisierten Völker war. In den Nüchtern denkenden Köpfen der Eroberer war kein Raum für solche wissenschaftlichen Kenntnisse, wie sie die Griechen besaßen. Selbst die geistig am höchsten entwickelten Araber glaubten, die Erde sei eine Fläche. In ihrer Unwissenheit meinten sie, Berge seien auf die Erde gestellt, damit sie nicht schwanke, wenn Menschenmassen und Kamelherden sich auf ihr bewegen. Sonne, Mond und Sterne stellten sie sich als Laternen oder Lampen vor, die zur Beleuchtung der Erde an dem festen Himmelsgewölbe angebracht seien. Von einem Unterschied zwischen Fixsternen und Planeten hatten sie natürlich gar keine Vorstellung. Nicht jeder gewöhnliche Araber verstand bis tausend zu zählen, und viele waren überzeugt, daß es über tausend hinaus keine Zahl gäbe.

Es gab aber im Volke der Araber nicht wenige wißbegierige Menschen, die lernen wollten und konnten. Es kam ihnen sehr zustatten, daß die unterworfenen Völker sich die Sprache der Eroberer aneignen mußten. Gelehrte und Dichter aus diesen Völkern begannen arabisch zu schreiben. So hatten die Araber Gelegenheit, die Errungenschaften der Völker mit einer höheren Kultur in ihrer Muttersprache kennenzulernen. Und sie erwiesen sich als sehr gelehrige Schüler. Die syrischen Araber waren als erste im arabischen Kalifat auf dem Gebiet der Kultur tätig, ehe die übrigen Araber durch ihre Eroberungen mit der byzantinischen Kultur bekannt wurden. Denn auch in Syrien und Palästina gab es eine hochentwickelte Kultur, da diese Länder von ihrer Eroberung durch die Araber Teile des Byzantinischen Reiches geworden waren. Bereits die unmittelbaren Nachkommen der arabischen Eroberer standen unter starkem Einfluß dieser syrischen Kultur, die neben anderen Kulturen mit der Zeit von den Arabern übernommen wurde. Während der Regierung der Omaijaden (661 bis 750) schufen Syrer und syrische Griechen hervorragende Denkmäler der Baukunst. In der alten Stadt Damaskus, der Hauptstadt des Kalifats Omaijaden, ragten der Palast der Kalifen und eine Moschee empor, die Anfang des 8. Jahrhunderts aus einer christlichen Kirche umgebaut worden war. Das alte Jerusalem erhielt zwei prächtige Moscheen, die kunstfertige syrische und griechische Meister erbauten. In den Palästen, die geschickte Architekten der unterworfenen Völker den Omaijaden in der Wüste errichteten, kamen die Kalifen auch in den Genuß eines ihnen unbekannten Komforts. Die Prachtfassaden der Paläste Kasr-al-Cheir und Mschatta waren mit plastischem Zierwerk reich versehen, die inneren Gemächer und der Baderaum wiesen Wandgemälde auf. Die arabische Aristokratie wohnte in prachtvollen Schlössern, die nach den Plänen der ortsansässigen Baumeister errichtet und von Künstlern ausgeschmückt wurden. Die arabischen Herrscher ließen Moscheen mit der Absicht bauen, die unterworfene Bevölkerung zu beeindrucken und ihr die Macht und Unbesiegbarkeit des Islam vor Augen zu führen.

Die Bildhauerkunst dagegen verfiel in den von den Arabern eroberten Ländern. Die Eroberer zerschlugen in der Regel die Darstellung von Menschen, weil sie in ihnen Götzenbilder sahen; denn der Islam verbietet streng, Götzen zu verehren, ja sie überhaupt nur anzusehen.

Auch Bewässerungsanlagen, Brücken und Straßen baute die unterworfene Bevölkerung unter der Anleitung örtlicher Fachleute.

Obwohl die Araber Bewohner zivilisierter Länder geworden waren, vergaßen sie doch ihr sandreiches Arabien nicht, wo ihre Vorväter ein Nomadenleben geführt hatten. Die arabischen Eroberer und ihre nächsten Nachfahren lebten in geräuschvollen Städten oder in Kriegslagern, die von Gärten und bebauten Feldern umgeben waren. Ein besonderes Vergnügen war es ihnen, den Erzählungen der Dichter zu lauschen, die vor dem Islam in ihrer Heimat gelebt hatten. Vertraute, heimatliche Bilder tauchten vor ihrem geistigen Auge auf: eine Wüste, gleich einem stürmischen Sandmeer, oder eine Berglandschaft, die einem versteinerten Ozean ähnlich sah, oder mit spärlichem Gras und Zwergsträuchern bedeckte Weiden, Herden geduldiger, genügsamer Kamele, fesselnde Fata Morganas, die ein glühendheißer, bleierner Himmel hervorzauberte, Palmenkuppen, eine Oase, die Wasser und Dattel spendete. Arabische Dichter, die nach der Eroberungen in irgendeiner Stadt Syriens oder des Iraks lebten, fuhren fort, in ihren Gedichten Beduinenlager, den Kamelritt von einem Weideplatz zum anderen oder die Asche des Scheiterhaufens, die der Wind am verlassenen Wohnplatz in die Lüfte verweht, zu besingen. Ihren Gebietern zu Gefallen sangen die Hochpoeten in den Palästen und Gärten von Damaskus von dem Leben und Treiben arabischer Wanderhirten. Die omaijadischen Kalifen ließen sich in ihren Mußestunden gern wunderbare Geschichten aus arabischer Vorzeit erzählen. In ihre Paläste luden sie Erzähler ein, die ihnen arabische Heldensagen vortrugen. Von furchtlosen Recken erzählten sie, die nachts auf edlen Rossen in der arabischen Weite umherritten, von bösen Geistern der Wüste, die dem einsamen Wanderer auflauerten, von herrschsüchtigen Fürsten und findigen Richtern im alten Jemen; von der südarabischen Königin, welche die Sonne anbetete, und dem weisen Wiedehopf, der, von König Salomon gesandt, mit seinem Körper die ersten Sonnenstrahlen verdeckte, so daß sie ihren Weg durch das schmale Fenster des Palastes nicht finden konnten und die Sonnenanbeterin den Aufgang des Himmelsgestirns verschlief; da sie ihren Sonnendienst nicht verrichten konnte, ließ sie sich zum "wahren Glauben" bekehren (vielleicht sogar zum Islam). Naive Erzählungen solcher Art ersetzten den Arabern das Wissen um ihre Vergangenheit, denn Geschichte zu schreiben verstanden sie noch nicht. Neben Heldensagen waren Erzählungen beliebt, die von den Taten des Propheten Mohammed und den ersten arabischen Kalifen berichteten. Diese Erzählungen, die sich oft kaum von lustigen Anekdoten unterschieden, sollten den Begründer des Islams rühmen, ihn über andere Religionsstifter erheben und ihn als Wundertäter darstellen.

Im Kalifat von Bagdad waren im 8. bis 10. Jahrhundert günstige Voraussetzungen für die Weiterentwicklung der Kultur geschaffen worden. Bei der Errichtung des Kalifats von Bagdad durch die Abbasiden bekannte sich ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung dieses weiträumigen Reiches schon zum Islam. Die arabische Sprache, die schon unter den Omaijiden zur Staatssprache erklärt worden war, wurde nun auch zur Sprache der Verwaltung, der Literatur und Wissenschaft. Die Feudalherren und die reichen Städter, die Staatsbeamten und die Geistlichen erhielten ihre Bildung in arabischer Sprache und sahen in dieser ein Ausdrucksmittel der Kultur. Diese Gebildeten, mit Macht, Geldmitteln und Kenntnissen ausgestattet, waren größtenteils gar nicht Araber, sondern Perser, Tadshiken, Syrer, Choresmier, Griechen, Juden und Angehörige anderer zivilisierter Völker, die die Mehrheit der Bevölkerung des Kalifats ausmachten. Die bunte Menge der Hofleute im Palast der Abbasiden setzte sich hauptsächlich aus Nicht-Arabern zusammen, die jedoch arabisch sprachen. Wer Neigung zur Literatur oder Wissenschaft hatte, las daheim arabische Handschriften. Ihre Kinder lernten eifrig die Regeln der arabischen Grammatik, übten sich in der Rechtschreibung, um richtig und schön schreiben zu können, lernten geschwind Zählen und die vier Grundrechnungsarten meistern. Die Begabteren lernten arabische Verse deklamieren und machten Bekanntschaft mit den Elementen der Geometrie und Astronomie. Neben diesen nützlichen Kenntnissen war es allerhand religiöser Wust, mit dem man die Köpfe der vollstopfte: Man ließ sie den Koran auswendig lernen; man verlangte, das sie unsinnige Erdichtungen aus dem "Leben des Propheten Mohammed" wortgetreu behielten; man prägte ihnen Erzählungen von Wundertaten ein, die er in Wirklichkeit niemals vollbracht hatte. Faule und zerfahrene Schüler, die während des Unterrichts die Bewegungen der Zimmerfliege aufmerksam beobachteten oder gespannt auf Geräusche lauschten, die von der Straße, vom Hofe oder aus dem Garten an ihr Ohr drangen, wurden von dem Haus -oder Schullehrer mit Klapsen und Kopfnüssen "ermuntert". Eltern, die ihrer Söhne "Bestes" wollten, schätzten besonders solche Lehrer, die Köpfe und Rücken ihrer Schüler kräftig zu bearbeiten verstanden. Es war ja wichtig, gute Kenntnisse im Arabischen zu haben, um bei Hofe oder im Dienst besser vorwärtszukommen. Weil sich nun alle gebildeten Menschen der arabischen Sprache bedienten, ist es manchmal schwer, Erscheinungen der eigentlichen arabischen Kultur von denen der arabischsprachigen Kulturen zu trennen, die von nichtarabischen Völkern des Kalifats von Bagdad geschaffen wurden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß der hohe Stand des Ackerbaus, der Viehzucht und des Gewerbes im Kalifat von Bagdad das Ergebnis einer beharrlichen Arbeit mehrerer Völker - darunter auch der Araber - gewesen ist.

In den meisten Ländern des Orients läßt sich Ackerbau nur mit Hilfe einer künstlichen Bewässerung betreiben. Um mit einer Ernte rechnen zu können, um die junge Saat des Getreides und anderer Pflanzen vor Sonnenbrand zu schützen, muß Wasser herangeschafft und auf die Felder, in die Gärten, in die Palmenhaine und Weinberge gebracht werden. Dieses belebende Wasser kommt aus Flüssen und Seen, oder es wird aus künstlichen Zisternen in einem komplizierten Netz von Kanälen herangeführt. Ackerbauer haben diese Kanäle gezogen und sie regelmäßig mit Schaufeln von Schlamm und Sand gereinigt, der sich auf dem Grund festsetzte. Ein arabisches Sprichwort sagt: Wo das Wasser zu Ende ist, da ist es auch mit dem Lande zu Ende. Das bedeutet: Das Land, das nicht bewässert wird ist unfruchtbar, in trockener Erde gedeiht das Korn nicht, es verdorrt und kommt um. Auf das "Wasser des Himmels" zu hoffen, ist nutzlos, denn in einigen Teilen des Morgenlandes regnet es äußerst selten, während anderswo schwere Gewitterregen den Boden eher unterspülen als bewässern. Darum sorgten die Regierungen in den Ländern des Orients dafür, daß die Ackerbauer Kanäle gruben und sie regelmäßig reinigten. Die orientalischen Herrscher waren sich darüber durchaus im klaren, das unberieselte Felder keine Ernte geben. Blieb aber die Ernte aus, so war die werktätige Bevölkerung nicht imstande, Steuern zu zahlen, mit anderen Worten, ihre Regenten zu unterhalten. Die Stammprovinz des Kalifats von Bagdad war der Irak, der sich durch eine außergewöhnliche Fruchtbarkeit auszeichnete und in dem die Hauptstadt Bagdad lag. Dieses Land, in dem kultivierte Felder mit Gärten und Palmenwäldchen abwechselten, berieselten die wasserreichen Flüsse Tigris und Euphrat. Im Altertum schon erzählte man sich unglaubliche Dinge von der märchenhaften Fruchtbarkeit dieses Zwischenstromlandes. So hieß es unter anderem, daß ein Stab, den ein Wanderer in die Erde gesteckt, nach einiger Zeit im Boden Wurzeln geschlagen habe; er sei gewachsen, habe sich verzweigt und belaubt, habe Blüten und schließlich Früchte getragen. Doch der ungewöhnlich fruchtbare Boden des Irak belohnte die Arbeit des Landmannes nur dann, wenn er künstlich berieselt wurde.

Unter der Regierung der ersten Abbasiden (in der zweiten Hälfte des 8. und im Anfang des 9. Jahrhunderts) wurde das Bewässerungssystem bedeutend erweitert. Auf Befehl der Kalifen und der von ihnen eingesetzten Beamten mußten Landsleute und aus anderen Ländern herangeholte Sklaven die alten vernachlässigten Kanäle instandsetzen und neue ziehen, um Sümpfe trocken zu legen und tote Sandstrecken zu beleben. Auf der berieselten Fläche säte man Gerste und Weizen, man versorgte die Reissaat mit Wasser und pflanzte Zuckerrohr, Weinreben und Dattelpalmen an. Mittels großer Wasserräder gelangte das Wasser aus den Flüssen und Kanälen auf die Pflanzungen. An den Reifen dieser Räder befestigte man Gefäße aus Leder oder Ton. Ein Ochse, Büffel oder Kamel (es konnte auch ein Paar sein) erhielt sein Geschirr umgelegt, das in eine am Wasserrad befestigte Schnur auslief. Das Rad drehte sich um eine auf einem oder zwei Pfosten ruhende Achse. Indem sich die Tiere (bisweilen auch Menschen, wenn es an Tieren fehlte) vorwärts bewegten, drehten sie das Rad, das dicht am Wasser aufgebaut war. Bei der Drehung des Rades schöpfte jedes Gefäß Wasser, wurde hochgehoben, senkte sich dann und wurde umgestülpt, so daß sein Inhalt sich in einen Graben oder eine Rinne ergoß und weiter auf das Feld floß. Es gab auch andere, einfachere Vorrichtung: den Schaduf. Dieser Wasserschöpfer war schon in Ägypten zur Zeit der Pharaonen in Gebrauch. Er erinnerte an den "Kranich", mit dem früher in Rußland Wasser aus dem Brunnen schöpfte. Das war eine dicke, auf einem Pfosten sich drehende Stange; an ihrem Ende hing ein Eimer, mit dem Wasser für die Feldberieselung schöpfte.

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Besonders fruchtbar und dichtbevölkert war der südliche Teil des Irak, ein Gebiet, das an den Persischen Golf grenzt und von den Arabern Sewad, das Schwarzerde, genannt wurde. Im südlichen Sewad, dort, wo die beiden großen Ströme Tigris und Euphrat in einem Flußbett, dem Schatt-el-Arab (Arabergestade), sich vereinigte, bewässerte der Doppelfluß allein, ohne Mithilfe des Menschen, Tag um Tag Gärten und Palmenhaine. Das war eine Folge der Flut im Persischen Golf, die das stürmische Meerwasser in den Schatt-el-Arab trieb. Ohne Ausweg zum Meer, traten die Wasser des mächtigen Stromes aus den Ufern und ergossen sich in Gärten und Haine. Diese tägliche Überschwemmung bedeutete nicht nur eine reichliche Bewässerung der Gärten, sondern auch eine Düngung, da nach dem Abebben der Wassermassen eine dünne Schicht fruchtbaren Schlammes zurückblieb.

Die fleißigen Ackerbauer und Gärtner des Sewad züchteten nicht nur einheimische Pflanzen wie ihre Vorväter. Sie bauten auch mancherlei seltene Früchte und Gemüsearten an, deren Samen ihnen Kaufleute aus überseeischen Länder brachten.

Die Reichtümer, die den Kalifen von ihren Untertanen zuflossen, waren unermeßlich. Steuern wurden nicht bloß in Geld, sondern auch in Naturalien gezahlt; die Bevölkerung hatte landwirtschaftliche und gewerbliche Erzeugnisse zu liefern. In der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts nahm die Staatskasse in Bagdad allein an Geld (ohne die Naturalangaben zu rechnen) über 400 Millionen Dirheme (eine kleine Silbermünze = 4g Gewicht) ein. Mehr als ein Drittel dieser für die damalige Zeit gewaltigen Summe brachte die werktätige Bevölkerung des Sewad auf.

Mit der Fruchtbarkeit und dem hohen Stande der landwirtschaftlichen Kultur im Sewad konnte sich nicht einmal Ägypten messen, das durch seinen Ackerbau berühmt war. Dieses vom Nil durchflossene Land nahm, was Fruchtbarkeit betraf, im Kalifat von Bagdad die zweite Stelle ein. An dritter Stelle stand in frühen Mittelalter Andalusien, ein arabischer Besitz auf den Pyrenäenhalbinsel. Andalusien gehörte nicht zum Kalifat von Bagdad; es wurde vielmehr von der unabhängigen Dynastie der Omaijaden von Córdoba beherrscht, doch hatte auch die arabische Kultur an Boden gewonnen.

Viele Erzeugnisse der Landwirtschaft und der Viehzucht fanden als Rohstoffe Verwendung im Handwerk, das sich rasch entwickelte. Geschickte Handwerker stellten aus Baumwolle, Flachs und Wolle leichte und haltbare Gewebe her; andere färbten diese Stoffe kunstfertig mit pflanzlichen Farben, die sie aus dem Saft, den Blättern und Wurzeln oder aus der Rinde verschiedener Pflanzen gewannen. Die Webkunst stand in hoher Blüte; aus verschiedenfarbigen Garn fertigten Weber geschmackvoll gemusterte Woll- und Baumwollstoffe. Syrien war berühmt wegen seiner Seidenraupenzucht, die es im 6. Jahrhundert, also kurz vor der Aufrichtung der arabischen Herrschaft, eingeführt hatte. Als Futter für die Seidenraupen dienten Blätter des Maulbeerbaumes. Aus den Kokons gewann man hochwertige Rohseide, aus der geschickte Meister Seidenstoffe und kunstvollen, teuren Brokat herstellten. Dieser aus goldenen, silbernen und seidenen Fäden gewirkte Stoff entzückte das Auge durch seine verschiedenartigen schönen Muster, die Blätterwerk, Blumen und geometrische Figuren enthielten. Einen besonders hohen Stand erreichte die Weberei in Ägypten, nachdem sich dieses Land von Bagdad getrennt hatte und unter der Herrschaft der Fatimiden (969 bis 1171) gekommen war. In den Städten und Flecken des Nildeltas verarbeitete man ägyptisches Lein zu feinem Linnen, das nicht nur auf den Märkten des Inlandes Absatz fand, sondern auch nach Asien und Europa ausgeführt wurde. Die ägyptischen Tuchwalker stellten sehr gute Tuche her, die zu einem guten Teil in die Länder Vorderasiens ausgeführt wurden. Ein besonders gangbarer ausfuhrartikel war ein rotwollenes Gewebe, eine Nachahmung des armenischen Tuches, wonach auf den asiatischen Märkten eine lebhafte Nachfrage bestand.

Kunstfertig und arbeitsame Weber waren imstande, aus Faserpflanzen und Wolle die verschiedenartigsten Stoffe für die Hofleute, Feudalherren, hohen Staatsbeamten, geistlichen Würdenträger und reichen Kaufleute anzufertigen. Das einfache Volk und mit ihm die Gewerbetreibenden trugen schlichte Kleidung aus billigem Baumwollzeug. Diese unermüdlichen Arbeiter machten andere Reich; sie selbst aber lebten ärmlich; ihre Nahrung wie ihre Kleidung waren bescheiden.

Neben der Herstellung von Webwaren im Kalifat von Bagdad nahm das Gewerbe der Lederverarbeitung einen bedeutenden Aufschwung. Zahlreiche Gerber wandten ganz neue Methoden beim Gerben der Häute an. Schuhmacher nähten aus Saffian und anderen feinen Ledersorten elegantes Schuhwerk. Ihre Werkstätten waren die engen Buden der städtischen Basare; hier schnitten sie das Leder zu, hier bestickten sie die feinen Schuhe mit bunter Seide, hier boten sie auch ihre Erzeugnisse feil und nahmen Bestellung entgegen. In den von buntem und geräuschvollem Leben erfüllten Basaren der großen Städte lagen die Werkstätten der Handwerker gleichen Berufes in einer Reihe nebeneinander, eine Gasse für sich bildend. An die Gasse der Schuhmacher schloß sich vielleicht die Reihe der der Sattler an, die schmucke Geschirre anfertigten, an denen Metallplättchen und bunte Troddeln nicht fehlen durften. Sättel für Pferde, Kamele und Esel lagen zum Verkauf aus. Einige Sättel waren mit Seide bestickt, andere mit Musterverzierungen oder schmalen Platten aus Silber, Kupfer oder Knochen versehen; auch Edelsteine und Perlmutter waren eine beliebte Sattelverzierung. Eine große Fertigkeit erlangten die Handwerker in der Bearbeitung von Metallen und in der Herstellung von Metallgeräten. In alle Welt hinaus drang der Ruhm der Waffenschmiede, und ihre Schwerter, Säbel, Panzer und Helme waren überall begehrt. Die blanke Waffe aus Damaszener Stahl wurde in vielen Ländern gerühmt. Die hervorragenden Eigenschaften der Damaszener Schwerter hat man sich durch das besondere Verfahren der Abkühlung des Metalls erklärt. Sobald der Meister die glühende Klinge mit der Zange aus der Feueresse gehoben hatte, übergab er Zange und Klinge einem Reiter, der an der Tür der Werkstatt darauf wartete. Ohne eine Sekunde zu verlieren, sprengte der Reiter in gestrecktem Galopp davon und beschleunigte so durch Luftkühlung das Erkalten des Stahles.

Die Metallhandwerker fabrizierten Schalen, Becher, Pokale und Krüge aus Kupfer und Zinn; poliertes Metall diente ihnen zur Herstellung von Spiegeln. Auch manch andere Gegenstände kamen aus ihren Händen, sogar Nähnadeln. Aus der Marktreihe der Kupferschmiede drang unaufhörliches Dröhnen und Hämmern, das nicht nur das Menschengeschrei übertönte - auch das laute Gebrüll der Kamele und Esel ging in diesem Lärm unter. Weniger laut ging es in der Reihe der würdigen meister zu, die Geschirr und Ziergegenstände aus Edelmetallen anfertigten. All die goldenen, silbernen und vergoldeten Schüsseln, Becher und Krüge waren für den feudalen Adel und die Reichen bestimmt, die mit diesem teuren und künstlerisch wertvollen Geschirr prahlten. Hatte der werktätige Mensch - schon gar nicht zu sprechen von den Armen -einfaches Metallgeschirr auf dem Tisch, so galt er bereits für wohlhabend. Die Mehrzahl der Bevölkerung benutzte Geschirr und Hausgeräte aus Ton oder Holz.

In Blüte stand auch das Nahrungsmittelgewerbe. Konditoren und Bäcker verstanden allerlei süße und duftige Leckerbissen zu bereiten, die in beträchtlicher Menge von den wohlhabenden Schichten der städtischen Bevölkerung verbraucht wurden. Aus Frucht- und Beerensaft bereitete man mit Zucker- und Honigguß verschiedenartiges Naschwerk; den Geschmack der Backwaren aus Mehl und Datteln erhöhte ein Zusatz von Kümmel, Anis, Safran, Mohn oder orientalischem Gewürz. Sehr beliebt waren erfrischende Getränke, die durch ein Tropfen Rosenöl oder sonstige Duftstoffe ein angenehmes Aroma erhielten.

Zur Kühlung mancher Speisen und Getränke brachte man in den Kalifenpalast nach Bagdad reinen Schnee von den Bergen des Libanon. Als der Kalif Harun al-Raschid seine prunkvolle Pilgerfahrt zu den Heiligtümern in Mekka unternahm, durfte seine Lieblingsfrau sich in den wasserarmen Sandwüsten Arabiens durch kühle Getränke erfrischen; auch eine Art Speiseeis bot man ihr. Die Begleitung der hohen Pilger bildeten ein zahlreiches Gefolge, eine zuverlässige Leibwache und Hunderte von Kamelen, die mit Lebensmitteln beladen waren.

Aus Zuckerrohr gewann man Streuzucker, den man mit Vorliebe zu Hartzucker preßte. Dieser vertrug aber keinen langwierigen Transport: Eine Kamelkarawane, die sich aus Ägypten mit Hartzucker aufmachte, kam in Syrien mit Feinzucker an. Schuld an der Pulverisierung des Preßzuckers waren die Erschütterung und die Reibung, denen die Ballen mit Zucker unterwegs und besonders auf der rast, wenn sie ab- und aufgeladen wurden, ausgesetzt waren. Darum zog man dem Hartzucker vielfach festen Kandiszucker vor.

Eine ungeheure Menge Süßigkeiten verschlangen die Frauen der herrschenden Klassen, die vor lauter Reichtum beständig irgend etwas kauten, lutschten oder an einem Naschwerk knabberten. Dies taten sie auch, wenn sie zu Gast oder in der Badestube waren. Die arbeitende Bevölkerung jedoch hatte durchaus kein süßes Leben. Für die Kinder des einfachen Volkes war ein Stück rohen Zuckerrohres ein willkommener wenn auch seltener Leckerbissen.

Die zahlreichen geschickten Handwerker im Kalifat von Bagdad befriedigten nicht nur die Bedürfnisse der einheimischen Bevölkerung, sie arbeiteten auch für den Export. Kaufleute reisten von Gebiet zu Gebiet, von Land zu Land und versorgten die Bevölkerung mit Erzeugnissen der Landwirtschaft und des Gewerbes. In einem Gebiet kauften sie Erzeugnisse, die dort reichlich vorhanden und folglich billig waren, um sie in anderen Gebieten, wo sie hohe Preise dafür erzielten, abzusetzen. Auf der Jagd nach größerem Gewinn reisten die kühnsten und unternehmungslustigsten Kaufleute nach Ost- und Westeuropa. Die waren, die sie auf den neuen Märkten anboten, waren in der Hauptsache bunte Seidenstoffe, Goldbrokat, feines Leinen, Teppiche in lebhaften Mustern, Waffen, Metallwaren, Gewürze und Heilkräuter. Die Kaufleute führten lange Karawanen mit sich, oder sie segelten kühn über stürmische Meere und landeten an unbekannten Küsten. Die Handelsreisen des geschäftstüchtigen und verschlagenen Kaufmanns Sindbad, die in den Märchen aus "Tausendundeiner Nacht" mit allerhand wunderbaren und unglaubhaften Abenteuern ausgeschmückt sind, spiegelt die Wanderfahrten wider, die von geschäftigen Schiffsherren nach den Inseln des Indischen Ozeans tatsächlich unternommen wurden.

Bereits im 8. Jahrhundert waren den arabischen und persischen Kaufleuten die Seewege nach dem südlichen China gut bekannt. Zur Fahrt in dieses ferne Land benutzten sie chinesische Dschonken oder eigene Schiffe, die aus Basra oder anderen Hafenstädten des Kalifats ausliefen. In der chinesischen Stadt Kanton bewohnten die handeltreibenden Muselmanen, Untertanen des arabischen Kalifen, als Ausländer ein ganzes Stadtviertel, in dem sie ihre Moschee hatten und ihrem eigenen Richter unterstanden. Im Jahre 758 empörten sich die Einwohner Kantons gegen die ungerechte Obrigkeit, und der Kaiser von China ließ den Aufstand durch seine persischen Söldner unterdrücken. Als die Söldner in die große, reiche Stadt eingedrungen waren, begannen sie zu plündern und ließen sich zahlreiche Ausschreitungen zuschulden kommen. Die in der Stadt ansässigen Handelsleute aus dem Kalifat schlossen sich den Plünderern an, zündeten Häuser und Kaufläden an, schleppten das geraubte Gut auf ihre Schiffe und fuhren davon, ihrer Heimat zu.

In späterer Zeit begegnete man Kaufleute aus dem Kalifat in einer Siedlung unweit von Schanghai; es kam auch vor, daß sie Geschäftsreisen ins Innere Chinas unternahmen. Aus diesem zivilisierten Lande, in dem sich die Handwerker seit jeher durch ihre besondere Geschicklichkeit auszeichneten, führten die arabischen Kaufleute Seide, Metallwaren, Porzellan, Fayence und Papier aus. Diese kostbaren waren verkauften sie mit großen Profit auf den Märkten in Bagdad und in anderen Handelsstädtchen des Kalifats, exportierten sie auch in nördliche und westliche Länder.

Der Aufschwung des Handwerks und Handels förderten das Wachstum der Städte. Die großen Städte im Kalifat von Bagdad waren nicht nur Festungen und Mittelpunkte der Verwaltung; sie waren auch wichtige Sammelpunkte für den Handel und das Gewerbe. Nach Umfang und Bedeutung stand Bagdad an erster Stelle. Diese Hauptstadt des Kalifats (unter den Abbasiden) wurde 762 von Mansur (Almansor), dem dritten Abbasiden gegründet. Vier Jahre lang mußten geschickte und erfahrene Baumeister und Künstler angestrengt am Aufbau der neuen Stadt arbeiten. Ihnen zur Seite stand ein Heer von Maurern, Ziegelbrennern, Erdarbeitern, Trägern und Fuhrleuten, die man aus verschiedenen Gegenden zusammengetrieben hatte. Dank ihrer unermüdlichen Arbeit entstand am rechten Ufer des Tigris die prächtige "runde Stadt". So nannte man Bagdad, weil die Stadt ursprünglich die Form eines regelmäßigen Kreises und von einer Ringmauer aus Ziegelsteinen umgeben war. Innerhalb dieser Mauer - im Zentrum der Stadt - erhob sich der imposante Palast des Kalifen, genannt "die Grüne Kuppel". Über den Thronsaal wölbte sich nämlich eine massive Kuppel, die mit grünen Dachziegeln gedeckt war. In unmittelbarer Nähe des Palastes stand die Hauptmoschee; dieser schlossen sich Regierungsgebäude an, ferner die luxuriösen Wohnhäuser der Verwandten und Hofleute des Kalifen und die Kasernen der Leibgarde. In einiger Entfernung von der Ringmauer war, parallel zu dieser, eine zweite Mauer errichtet, und in einem weiteren Umkreis umschloß die Stadt eine dritte. Rings um die Außenmauer zog sich ein breiter und tiefer Wassergraben. Kaufleute, Handwerker, überhaupt alles, was irgendein Gewerbe betrieb, sowie die erwerbslosen Einwohner hatten sich zwischen den mauern angesiedelt. Hier sah man zu beiden Seiten der engen, krummen Straßen und Gassen neben Häusern elende Hütten und Katen stehen. An der Innenseite der Stadtmauern hatte man Räume mit Ziegelsteinboden und gewölbter Decke angelegt. In diesen Mauerlauben saßen Händler inmitten ihrer Waren, auch Handwerker arbeiteten hier. Außer diesen Reihen für Handel- und Gewerbetreibende gab es in verschiedenen Teilen der Stadt Basare, Moscheen und Bäder. Die werktätige Bevölkerung von Bagdad, die eine große Anzahl Armer, Bettler und Personen ohne regelmäßigen Erwerb umfaßte, neigte zu Unruhen, und es kam oft zu Aufständen. Das Volk trug dem Kalifen seine gerechten Forderungen nach besseren Lebensbedingungen vor. Die Kalifen fürchteten ihre Untertanen und vertrauten nicht allzusehr auf die Festigkeit der inneren Stadtmauer, die ihren Palast sichern sollte. Darum hatte schon Mansur einige Jahre nach der Erbauung der Stadt den größten Teil der Handwerker und Kleinhändler vor die Außenmauer aussiedeln lassen. Dieser Kalif bestimmte auch, daß die Fleischer ihren Basar nicht in der Nähe der Außenmauer abhalten sollten. Ihm schrieb man die Auffassung zu, die Fleischer wären verwegene, unvernünftige Menschen, und in den Händen hätten sie ein scharfes Eisen. Die aus Bagdad Ausgesiedelten bildeten eine dichtbevölkerte und laute Vorstadt, in der ein arbeitsfreudiges Leben pulsierte. Nicht minder lebhaft wurde bald die Gegend um den Landungsplatz am Tigris. Hier legten eine Menge Schiffe, Barken und Boote an, die mit Gütern aus allen Teilen der damals bekannten Welt beladen waren. Hier konnte man alles kaufen: ein elegantes chinesisches Teeservice aus Porzellan; indische Seidenstoffe, hauchdünn wie Spinngewebe; ein Affen oder Papagei aus Afrika und daneben einen schwarzen Sklaven, einen Türkis aus Persien, Bernstein von der Küste der Ostsee und ein vorzügliches Zobelfell aus dem "Lande des Rus", das heißt der Ostlawen.

Die Entwicklung der Landwirtschaft (auf der Grundlage einer künstliche Bewässerung), des Gewerbes und Kunstfertigkeiten, des Innen- und Außenhandels wirkte befruchtend auf die Entwicklung mancher Wissenschaften und der schönen Literatur. Nach der Errichtung ihrer Herrschaft über zivilisierte Völker konnten sich die Araber dem Einfluß der höher entwickelten Wirtschaft und der höheren Kultur dieser Völker nicht entziehen. Es fanden sich unter den Arabern genügend kluge kluge und befähigte Menschen, die die große Bedeutung der Bildung und Kultur erkannten und von den unterworfenen Völkern zu lernen begannen. Bald traten unter ihnen Männer auf, die auf dem Gebiete der Kultur Beachtliches leisteten. Es entstand eine arabische Wissenschaft, die sich unmittelbar auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse gründete, die die Araber von den Griechen, Syrern, Persern, Indern und Choresmiern übernommen hatten, und diese junge Wissenschaft entwickelte sich in enger Wechselwirkung mit den wissenschaftlichen Errungenschaften jener Kulturvölker. Die Städte Kufa und Basra, beide aus arabischen Kriegslagern entstanden, hält man für den Entstehungsort der arabischen Wissenschaft. In diesen verkehrsreichen, lebhaften und geräuschvollen Städten lebten und arbeiteten neben Arabern zahlreiche Handwerker, Händler, Ärzte, Tierärzte, Baumeister, Künstler, Schreiber, Lehrer und andere Vertreter intellektuelle Berufe aus der einheimischen Bevölkerung des Irak und Persiens. Die einheimische Bevölkerung stand zwar in einem dienenden Verhältnis zu den Arabern, die das Geld und die Macht hatten; aber viele Ortseinwohner besaßen soviel Kenntnisse und Erfahrungen, daß sie zu Lehrmeistern der Araber wurden und ihnen das reiche Kulturerbe vermitteln konnten, das sie von vorangegangenen Geschlechtern übernommen hatte. Hier sind die Ansätze zur arabischen Philologie, das heißt der Wissenschaft von der arabischen Sprache, zu suchen; hier sammelte man zuerst die Werke der arabischen Dichter, die vor dem Islam oder zur Zeit seiner Entstehung gelebt hatten; hier studierte man die mündlich überlieferte Volksdichtung der nomadisierenden Araber. In der Hafenstadt Basra, die Fahrzeuge aus aller Herren Länder besuchten, sammelte sich mit der Zeit Material für die geographischen Wissenschaft der Araber an. In Damaskus, am Hofe der omaijadischen Kalifen, kam eine arabische Poesie auf, die mit Vorliebe die Weite des arabischen Landes schilderte, ungebundenes Zeltleben, Kamele und Palmen besang. In Medina sammelte und erdachte man Erzählungen vom Leben und Schaffen Mohammeds, von den Heldentaten der arabischen Eroberer. Arabische Geschichtsschreiber übernahmen später diese Erzählungen in ihre Chroniken. Schon im 8. Jahrhundert machten die Araber Bekanntschaft mit den Werken der alten griechischen Ärzte Galenus und Hippokrates, die astronomischen und erdkundlichen Schriften des Ptolemäus und die Geometrie des Euklid wurden ihnen zugänglich. Gebildete Syrer und Kopten machten die Araber mit diesen alten Gelehrten bekannt. Die Werke der altgriechischen Historiker jedoch kannten sie nicht; ein Herodot oder ein Thukydides waren für sie unbekannte Namen. Auch der Inhalt der Ilias und der Odyssee blieb ihnen verschlossen, und die erhabenen Tragödien des Sophokles studierten sie ebensowenig wie die unterhaltsamen Komödien des Aristophanes.

Im 9. Jahrhundert wurden unter dem Kalifen Mamun (813 bis 833) die gelehrten Schriften altgriechischer Mediziner, Mathematiker, Astronomen und Geographen ins Arabische übersetzt, und es begann ein eifriges Studium der griechischen Wissenschaft. Hervorragenden Anteil an der Vermittlung der altgriechischen Wissenschaft an die Araber hatten die Syrer. Die Quellen vieler Übersetzungen ins Arabische waren nicht die griechischen Originale, sondern syrische Übersetzungen, die nicht von Arabern, sondern von Syrern übertragen wurden. Mehrere Jahrhunderte vor dieser Zeit, da die Araber sich mit griechischer Gelehrsamkeit zu beschäftigen begannen, waren die Syrer bei den Griechen in die Schule gegangen, hatten ihre Schriften übersetzt und selbst Untersuchungen und Beobachtungen angestellt. Auf diese Weise konnten sich die Araber nicht nur die griechischen Errungenschaften, sondern auch die syrischen nutzbar machen. Das gilt in besonderem Maße von der Medizin, die durch die Syrer bedeutend gefördert wurde.. Die praktische Medizin, das heißt die Behandlung von Krankheiten, stand bei den Syrern und später bei den Arabern in engem Zusammenhang mit dem Studium der Anatomie, Physiologie und Zoologie.

In der gleichen Zeit, in der sich die Araber die griechisch-syrische Wissenschaft aneigneten, erschloß sich ihnen auch das Wissen der Völker Indiens und Mittelasiens. Die Rolle der Vermittler spielten hier die Perser; sie machten die Araber auch mit ihrer eigenen Wissenschaft und Literatur bekannt. So erfuhren die Araber im 9. und 10. Jahrhundert von manchen bedeutenden Leistungen der Inder auf dem Gebiet der Mathematik und Astronomie. Der Perser Ibn al-Mukaffa führte die Araber schon im 8. Jahrhundert in das persische Schrifttum ein, indem er mehrere Werke ins arabische übersetzte. Weite Verbreitung unter den arabischen Lesern fanden die von ihm übersetzten erbaulichen Erzählungen in der Sammlung "Kalila und Dimna", denen die indischen Fabeln des "Bidpai" zugrunde lagen. Auf Befehl des Kalifen Mansur wurde dieser ausgezeichnete Übersetzer hingerichtet, weil er gewagt hatte zu behaupten, die Perser ständen in der Kultur höher als die Araber.

Die Araber schätzten die Redekunst und eine gewählte Ausdrucksweise, sie zeigten eine Vorliebe für treffende Vergleiche und beißende Epigramme. Dichtungen konnten sie begeistern, und bilderreichen Erzählungen von Beduinenhelden und ihren edlen, treuen Pferden lauschten sie ebensogern wie den wunderbaren Legenden, die von vergangenen Tagen berichteten. Bald nach Mohammeds Tode waren Erzählungen über ihn im Umlauf, die eine Mischung von Dichtung und geschichtlicher Wahrheit darstellten. Die Schriftkundigen in Medina, die Überlieferungen von Mohammed und seinen Mitkämpfern sammelten, schrieben solche Erzählungen auf und ordneten sie chronologisch. So entstand die Biographie des Propheten Mohammed. Das waren die ersten literarischen Erzeugnisse, die den Arabern ein historisches Schrifttum ersetzten. Es wurden besonders Schriften verfaßt, in denen die Überlieferungen von Mohammeds Kriegen und Feldzügen zusammengefaßt waren. In diesen Kriegen kämpften, wie die Legende es will, selbst Engel und Teufel mit den Menschen zusammen.

Die ersten Verfasser einer arabischen Geschichte waren Perser, die sich zum Islam bekannten und arabisch schrieben. Schon das 9. Jahrhundert hatte solche hervorragenden Historiker aufzuweisen, wie den Perser Belasuri. Ihm verdankt die Nachwelt ein Buch mit dem Titel "Die Eroberung der Länder", das eine umfassende Geschichte der arabischen Eroberungen enthält. Dieses Buch ist das Werk eines echten Geschichtsschreibers, dem es nicht nur um die Aufzählungen historischer Überlieferungen zu tun ist; er wägt vielmehr die überlieferten Berichte gegeneinander ab, wählt die glaubwürdigsten aus und beleuchtet allseitig die Ereignisse der Vergangenheit. Für ihn sind nicht nur die Tatsachen der politischen und der Kriegsgeschichte von Wert, auch über die Wirtschaftslage und die gesellschaftlichen Beziehungen sammelt er Angaben; er spricht von den Steuern und Abgaben und von der Lage der arbeitenden Bevölkerung in den eroberten Ländern. Auf dem Gebiet der arabischen Geschichtsschreibung hat ein anderer Perser besondere Berühmtheit erlangt: Tabari (gestorben 923). In seiner vielbändigen "Geschichte der Propheten und Herrscher" hat er mit außerordentlichen Fleiß ein gewaltiges geschichtliches Material verarbeitet. Sein Werk ist eine Chronik der Weltgeschichte, wie man sie sich im 10. Jahrhundert dachte. Tabari beginnt mit den Mythen von den altjüdischen Propheten, gibt dann eine Übersicht über die mehr oder weniger legendenhaften Geschichte der Perserkönige bis zu den arabischen Eroberungen, behandelt danach die Überlieferungen und Legenden um Mohammed und schließt mit der Darstellung der Geschichte der arabischen Eroberungen und des Kalifats. Er legt mehr Wert auf die Vollständigkeit des Materials als auf dessen Zuverlässigkeit. Er nimmt in seine "Geschichte" unbeirrt Darstellungen ein und derselben Begebenheit auf, die einander offensichtlich widersprechen. In solchen Fällen bedient er sich der Bemerkung: " Gott weiß es besser."

Ein jüngerer Zeitgenosse dieses Historikers war der nicht minder berühmte Geschichtsschreiber Massudi, ein aus Bagdad stammender Araber (gestorben 956). Seinen Ruhm begründete eine unter dem Titel "Goldene Wiesen" erschienene Weltgeschichte, ein interessant und lebendig geschriebenes mehrbändiges Werk, das man mit Recht eine Fundgrube für das Studium der Geschichte der Völker des Kalifats und anderer Länder nennt. Das neben Tatsachenberichten Legenden und kurzweilig Anekdoten stehen, tut dem Werk kein Abbruch. Nicht nur für die Geschichte der ihm bekannten Völker bekundet Massudi lebhaftes Interesse; er beschreibt auch ihre Sitten und Bräuche, ihre religiösen Vorstellungen, ihre Wissenschaft, Literatur und Kunst, kurz, ihre Kultur im weitesten Sinne dieses Wortes.

Die arabisch schreibenden Historiker des frühen Mittelalters beherrschte der Glaube, daß Allahs Wille den Lauf der geschichtlichen Ereignisse im voraus bestimmt habe. Dieser Glaube an die Vorherbestimmung ließ es in ihren Augen als unnötig erscheinen, die Ursache der Ereignisse zu untersuchen und darzulegen.

Eine kritische Einstellung zum Islam ging nicht aus der Geschichte, sondern aus der Philosophie hervor. Die arabische Philosophie ist seit ihren Anfängen abhängig gewesen von den philosophischen Systemen der Griechen, Syrer und Inder. An der Spitze der älteren arabischen Philosophen steht Al-Kindi (gestorben 873). Er maß den Naturwissenschaften eine große Bedeutung bei und war bestrebt, seine philosophische Lehre mit der naturwissenschaftlichen Erkenntnis seiner Zeit in Einklang zu bringen.

Quelle: Erzählungen zur Geschichte des frühen Mittelalters, Volk und Wissen Volkseigner Verlag, 1955, von rado jadu 2000

E-Mail zum Thema

Name: Prof dr Dr Suleyman Mueller

Datum: Dienstag, 12 Dezember, 2000 um 21:47:38
Kommentar:
Die Muslime haben die Grossmächte Byzanz und Persien nur erobert weil sie von ihnen Bedroht wurden. Die Muslime wussten lange vor der westlichen welt das die Erde rund ist ,da es im Quran steht.Weiterhin hat die wissenschaft festgestellt das die Berge auf der Erde stehen damit sie nicht ins wanken geräht. Der Quran hat über 6000 Ajets(Hinweise auf die Wahrheit)wie können sie den sagen das sie nicht bis 1000 zählen können, und die westliche Weltbenutzt heute noch diese Zahlen. Die Taten des Propheten sas sind nicht unsinnig,sondern Wahrheit. Die Muslime dürfen keine goldenen und silbernen Schüsseln benutzen,es ist im Quran verboten. Des weiteren haben die Muslime der westlichen Welt das Algebra und den Algerytmus beigebracht,und keiner hat von den Grichen etwas gelernt.

Arabische Literatur
Islamische Kunst und Architektur

Heinrich Heine: Almansor

Almansor 1179:

Abu - Bekri (Mahomet) ar - Razi [Rhâzes, 864 - 923 / 924], « Ad Almansorem Liber X.» (um 900), 1179 übersetzt von Gherardo di Cremona (Toledo, + 1187). 2. von 10 Büchern über die Medizin, « Al - Tibb al - Mansûri.»: Komplexionslehre, kurzes Kapitel über den Ankauf von Sklaven, Physiognomik: Kapitel 26 - 58, vorwiegend nach Polemon. Beurteilt einzelne äußerliche Merkmale und stellt Charaktertypen vor; 19 Mss. überliefert. Siehe auch Rhâzes 900, 1481, 1490, 1497, 1498, 1500, 1504.

DAS ABBASIDENKALIFAT; 750-1058 HARUN AL-RASCHID


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