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Mittelalter - Index

 

Das mittelalterliche Dorf und seine Bewohner

Als die unzivilisierten Franken im 5. Jahrhundert Gallien einnahmen, konnten sie natürlich nicht ahnen, was nach drei -oder vierhundert Jahren ihr Schicksal sein würde. Sie waren alle gleich freie Männer, Krieger, Hofbesitzer. Verwandte besaßen das Land gemeinsam, später erhielt jede Familie ihren Teil, und wenn die Sippe sich vermehrte, nahm man wiederum eine Landverteilung vor. Grund und Boden gab es ja genug für alle. Jeder bearbeitete soviel Land, wie ihm beliebte, richtiger gesagt, soviel er konnte; denn für ein großes Ackerfeld benötigte er viel Vieh und eine Menge Sklaven. Wiese, Wald und Sumpf wurden nicht geteilt, das war Gemeinbesitz des Dorfes. Auf Wiesen und in Triften weidete das Vieh, im Walde jagte man, in Flüssen und Seen fischte man. Niemanden kam es in den Sinn zu fragen, wem der Wald oder die Wiese, der Fluß oder der See gehöre. Dieser Zustand dauerte nicht lange. Die Krieger aus der Umgebung des Königs nahmen sich zur Zeit der Eroberung Galliens viel Land; wer später kam, erhielt vom König Land als Belohnung. Das in Besitz genommene und verschenkte Land war vielfach schon bearbeitet; denn darauf siedelten Sklaven oder Kolonen, die von den früheren römischen Großgrundbesitzer abhängig waren. Auch unter den Franken selbst kamen reiche Grundbesitzer auf, und der "kleine Mann" hatte Mühe, seine Unabhängigkeit und einstiege Freiheit zu behaupten.

Der reiche Grundbesitzer wurde mit der Zeit immer mächtiger und dem "kleinen Mann" immer gefährlicher. Das Reich der Karolinger führte langwierige und kostspielige Kriege. Den Kern des Heeres bildeten berittene Krieger, die in Rüstungen staken. Der Stahl war damals sehr teuer; Harnisch und Helm herzustellen erforderte nicht nur große Kunstfertigkeit, es kostete auch viel Zeit und Geld. Eine vollständige Rüstung kostete, in Naturalien berechnet, beispielsweise 45 Kühe, also eine ganze Herde; für einen Helm zahlte man 6 Kühe, für ein Panzer 12 Kühe, für ein Schwert mit der Scheide 7 Kühe, für das Beinzeug 6 Kühe, für Lanze und Schild 2 Kühe und für ein Streitroß 12 Kühe.

Ein Reicher, der zu einem in Stahl geschmiedeten Krieger wurde, war ein Schrecken der Feinde, aber auch der eigenen Landsleute. Der arme Mann hatte kein Auskommen mehr. Ihn bedrängte der reiche Nachbar, und neben seinen Feldern dehnten sich die Güter des reichen Klosters aus. Der "Heilige" aber, dem das Kloster geweiht war, erwies sich als nicht minder habgierig und nicht minder gewalttätig als der benachbarte Krieger. So blieb dem armen Manne nichts anderes übrig, als sich vor dem mächtigen Nachbarn zu demütigen. Schließlich geriet der Arme in Abhängigkeit von Reichen, was sich auf verschiedene Art und Weise erklären läßt. Von allen Seiten bedrängt, war der machtlose Landmann nicht mehr imstande, ein Stück Land zu erwerben, um seinen Söhnen eine eigene Wirtschaft einzurichten. Er wandte sich an den Großgrundbesitzer, seinen reichen Nachbarn, und bat ihn, er möge ihm etwas Land abtreten. Jener war einverstanden, stellte aber die Bedingung, das der Bauer für die Parzelle Pacht zu zahlen und das Land des Herrn mitzubearbeiten habe. Es konnte dem Landsmann auch schlimmer ergehen. Der Druck des Reichen wurde so stark, daß der arme keinen Ausweg mehr sah. Es war keiner da, der helfen konnte. Bis zum König war es weit, und selbst wenn er des Bedrängten Klage angehört hätte, der Vornehme hätte doch recht bekommen. Der Arme mußte sich wohl oder übel vor dem Reichen beugen, und dieser Vorgang war von einer merkwürdigen Zeremonie begleitet. Se Arme "bat" den Reichen, ihm das Land abzunehmen: dieser nahm es und gab es dem Bauer sogleich zurück. Für das zurückerhaltene Land verpflichtet sich der Bauer nun, soundso viel zu zahlen und diese und jene Leistung zu übernehmen. In jedem Fall wurde der Bauer vom reichen Nachbarn abhängig.

Mit noch größerer Schlauheit gingen die Klöster zu Werke. Sie besaßen ausgedehnte Ländereien, in denen noch kein Pflug je eine Furche gezogen hatte: große Wälder, Sümpfe, Heideland. Ihren Einfluß und ihre Macht mißbrauchend, zwangen sie die umwohnenden Bauern, solches Land in Bearbeitung zu nehmen, es urbar zu machen, zu pflügen und zu besäen. Darauf verpflichtete das Kloster den Bauern, für das neubearbeitete Land wie für sein früheres Land Abgaben zu zahlen.

Es gab auch noch schlimmere Fälle. Der gänzlich verarmte Landmann verschrieb sich dem Reichen und wurde zu seinem Hörigen. Urkunden aus jener Zeit bezeugen, daß solche Fälle nicht selten waren. Für solche Verschreibungen gab es sogar besondere Formen. Wer einen solchen Vertrag unterschrieb oder, wenn er nicht schreibkundig war, sein Zeichen daruntersetzte, wurde durch diesen Akt zum Hörigen. Der gewöhnliche Wortlaut in solchen Verschreibungen war: "Ich, der und der, vermag mich in meiner großen Not und Sorge weder zu kleiden noch zu ernähren, und darum verschreibe ich mich jenem Reichen, der also von jetzt ab das Recht hat, mich so zu behandeln, wie das gegenüber geborenen Hörigen Brauch ist."
Jedes Jahrzehnt brachte den Bauern eine Verschlechterung ihrer Lage.

Die Könige wiesen ihren Kriegsmannen, anfangs für die Dauer ihres Lebens, Land zu und verlangten von ihnen dafür Kriegsdienstleistungen. Solche königliche Landzuweisungen nannte man Benefizien. Aus der Landzuweisungen wurde im Laufe der Zeit erbliche Besitzungen, sogenannte Feode. Den Inhaber solcher Lehen verlieh der König das Recht, in ihren Ländereien Gerichtsabgaben zu erheben und Geldstrafen für Ordnungsstörung und Vergehen zu bestimmen. Infolgedessen wurde der Grundbesitzer selbst zum Herrscher in seinem Machtbereich; er war Richter und Verwalter zugleich. Unter solchen Umständen konnten die armen Leute nur in den seltensten Fällen ihre Freiheit bewahren. Die Masse der Bauern wurde abhängig und hörig. So büßten die ehemals freien Franken ihre Freiheit ein.

Könige,Würdenträger, Klöster und Kirchen waren nun Inhaber großer Güter. Die früheren freien Landgemeinden waren abhängige Dörfer geworden, in denen hörige Bauern lebten. Das ehemals freie Bauernland galt jetzt als Eigentum des Grundherrn. Die Bauern arbeiteten auf den Feldern eines solchen Herrn; sie pflügten sein Land, brachten die Ernte ein, mähten das Wiesengras, fällten Holz und fuhren es aus dem Walde. Außerdem hatten sie für das Land, das sie selbst ernährte, Naturalabgaben zu zahlen, also Getreide, Fleisch und Geflügel.

Eine Reihe von Beschreibungen, die aus jener fernen Zeit auf uns gekommen sind, geben uns eine Vorstellung davon, wie es auf einem solchen Gut aussah.

Die großen Güter, die dem König, dem Kloster oder Privatpersonen gehörten, nahmen mitunter gewaltige Flächen ein. Sie umfaßte weite Felder, Äcker, Wälder, Wiesen, Dutzende von Dörfern und Tausende von Bauern. Waren die Ländereien des Gutes sehr groß, teilte man sie. Die Wirtschaft eines Gutes leitete ein Verwalter, die einzelnen Teile verwalteten besondere Älteste. Der Verwalter war oft ein Vornehmer. Er besaß eigenes Land und hatte Hörige unter sich. Die Ältesten waren nicht selten frühere Hörige; mit der Zeit jedoch rückten sie auf in den Stand der Vornehmen.

Der Mittelpunkt eines herrschaftlichen Gutes war der Hof. Dort lagerten Vorräte aller Art, vor allem Getreide, das die Bauern als Grundzins zu liefern hatten, oder es war der Ertrag der Gutsfelder, auf denen die Bauern Frontdienste leisteten. Dort befanden sich unter anderem auch die Weinkeller, die Fischbehälter und Geflügelhöfe. Auf dem Hofe wohnten die Gutshandwerker: Schmiede, Zimmerleute, Tischler, Böttcher und andere. Das Gut versorgte sich also selbst mit allem Notwendigen. Gekauft wurde nur das Dringendste, verkauft wurden nur Überschüsse. Eine solche Wirtschaft nennen wir Naturalwirtschaft.

Der Herrenhof war umgeben von Dörfern, in denen hörige und abhängige Bauern lebten. Jeder Bauer hatte ein kleines Stück Land, er besaß Vieh und landwirtschaftliche Geräte. Der Bauer bearbeitete sein Land, hatte aber einen Teil der Ernte seinem Herrn abzugeben, für den er außerdem pflügen, säen, eggen und die Ernte einbringen mußte. Die Leistungen eines jeden Bauern waren genau bestimmt und in der Gutsregistern verzeichnet.

So lesen wir im Buche der Abtei St. Germain (des heiligen Germanus), eines unweit Paris gelegenen Gutes (die Urkunde stammt aus dem 9. Jahrhundert):
"Wulfard ist ein abhängiger Mensch, seine Frau, mit Namen Ermoara, ist eine Freie, und sie haben drei Kinder. Er besitzt ein Grundstück, zu dem Ackerland, Weinberge und eine Wiese gehören. Er hat zehn Maß Wein Kriegsabgaben zu zahlen und drei Maß Wein sowie ein Ferkel für die Erlaubnis, sein Vieh auf der Wiese des Klosters zu weiden. Für seinen Landbesitz ist er verpflichtet, des Herrn Feld zur Winter- und Frühjahrsaussaat aufzupflügen. Er muß das reife Korn vom Felde schaffen, er muß für den Herrn Holz fällen, muß Korn und Holz auf den Hof fahren, auf dem Hofe arbeiten, soviel man ihm zu arbeiten befiehlt. Außerdem hat er dem Herrn in jedem Jahr drei Hühner und fünfzehn Eier zu liefern. Befiehlt man ihm, Wein zu fahren, hat er auch das zu tun. Aus dem Walde soll er 100 Schindeln auf den Hof bringen. Auf der Wiese hat er soundsoviel Gras zu mähen."

In diesem Buche finden wir Tausende ähnlicher Eintragungen. Die Verwalter hatten streng darauf zu achten, daß der Grundzins und alle sonstigen Leistungen pünktlich entrichtet wurden; über sämtliche Einnahmen mußte Buch geführt werden, die Abrechnungen waren dem Herrn vorzulegen. In einer königlichen Verfügung, die die Ordnung auf einem der großen Güter des Königs festlegt, lesen wir:
"Unser Verwalter sind gehalten, uns alljährlich zu Weihnachten unsere Einnahmen, nach Art getrennt, übersichtlich und ordentlich zu melden, damit wir wissen, wieviel Land die Ochsen, mit denen unsere Treiber arbeiten, gepflügt haben und wieviel die Fronbauern; weiter wollen wir wissen, wieviel Ferkel es gegeben hat, wieviel Grundzins, wieviel Gerichtsstrafen gezahlt worden sind, wieviel für erlegtes Wild in unseren Bannwäldern, wieviel für allerlei Vergehen, wieviel die Mühlen eingebracht haben, wieviel die Wälder, wieviel die Äcker, wieviel die Brücken und Fahrzeuge, wieviel die Freien, wieviel die Märkte, wieviel die Weingärten und die Personen, die ihre Abgaben in Wein zahlen; wieviel Heu, wieviel Holz und Fackeln, wieviel Bretter und anderes Bauholz, wieviel von den Brachfeldern, wieviel Gemüse, wieviel Hirse, wieviel Wolle, Lein und Hanf, wieviel Obst, wieviel Nüsse, wieviel aus den Gärten, aus den Gemüsegärten, wieviel aus den Fischkästen, wieviel Häute, wieviel Felle und Gehörn, wieviel Honig und Wachs, wieviel Speck, Fette und Seife, wieviel Wein und Essig, wieviel Bier, wieviel Getreide, wieviel Hühner, Eier und Gänse, wieviel von den Fischern, den Schmieden, den Waffenschmieden und Schuhmachern, wieviel von den Bäckern und Schreinern, von den Drechslern und Sattlern, wieviel von den Schlossern, aus den Erz- und Bleigruben, wieviel von den Fronbauern, wieviel Pferde."
So sah es auf den Herrengütern aus. So hatten die Bauern auf diesen Gütern zu arbeiten.

Ist das so zu verstehen, daß freie Menschen aus eigenem Antrieb, ohne Widerrede, das Joch der Knechtschaft und der Abhängigkeit gewählt haben? Natürlich nicht. Die Chroniken und sonstige Urkunden aus jener Zeit berichten uns, daß Bauern oft flüchteten, sich zu Aufständen zusammenrotteten und Herrenschlösser in Brand steckten. Auch die große Menge der Landstreicher spricht dafür, daß längst nicht alle Bauern die Bürde der neuen Ordnung ertrugen und daß viele es vorzogen, betteln zu gehen, als ihre Freiheit für immer zu verlieren. Es wird erzählt, daß die Bauern im Dorfe Selte, unweit Reims, lange Zeit meuterten und nicht zum Gehorsam gegen ihren Herrn, die Kirche von Reims, zu bringen waren. Man nannte sie darum "die ewigen Aufrührer und Meuterer." Einst, unter der Regierung Karls des Großen, hatten sie sich erhoben, den Verwalter erschlagen und die Zahlung der Abgaben wie auch den Frondienst eingestellt. Man rechnete grausam mit ihnen ab. Die Rädelsführer wurden hingerichtet, die übrigen auf ewig verbannt.

Die Bauernaufstände nahmen besonders in den Gegenden gefährliche Formen an, wo die Erinnerung an die frühere Freiheit noch lebendig war. Im östlichen Gebiet der fränkischen Monarchie, in Sachsen, das Karl der Große unlängst unterworfen und zugrunde gerichtet hatte, machten 841 bis 842 die aufsässigen sächsischen Bauern einen Aufstand, um ihre einstigen Freiheiten wiederzugewinnen und - wie sie sagten - "nach alter Väterart" zu leben. Das ereignete sich bald nach dem Tode Ludwigs des frommen, des Sohnes Karls des Großen. Kaiser Ludwigs Söhne haderten miteinander. Der älteste Sohn, Lothar, dem die Kaiserkrone zugefallen war, verlangte von seinen Brüdern, Karl dem Kahlen und Ludwig dem Deutschen, sie sollten sich ihm bedingungslos fügen. Die Brüder aber standen gegen ihn auf, und Lothar wehrte sich, im Gefühl seiner Schwäche, indem er die sächsischen Bauern, deren Freiheitsliebe er kannte und von denen viele ihre Freiheit schon verloren hatten, gegen ihren Adel und König Ludwig den Deutschen aufwiegelte. Die Bauern schlossen gegen ihre Herrn einen Geheimbund, "Stellinga" genannt. Darüber lesen wir in einer Chronik: "In diesem Jahre (841) errangen die abhängigen Bauern in ganz Sachsen die Gewalt über ihre Herren; sie nannten sich "Stellinga" und begingen viele unvernünftige Taten. Die Edlen dieses Landes mußten viel Drangsal und Schimpf von seiten der Bauern erleiden. " Den "Edlen" ist dabei wohl tüchtig zugesetzt worden; sonst hätte der Chronist, ein Mönch, der mit ganzem Herzen auf der Seite der Feudalherren stand, nicht derart von den abhängigen Bauern geschrieben.

Lothar wußte nur zu gut, was er tat, als er den Sachsen, den freien sowohl wie den abhängigen und von den "Edlen" und den Geistlichen unterdrückten und ausgeplünderten, versprach, ihnen das "Recht ihrer Vorväter" wiederzugeben, das bei ihnen in der heidnischen Zeit gegolten hatte. Als Gegenleistung verlangte der Kaiser von den Sachsen, daß sie ihn im Kampfe gegen Ludwig den Deutschen unterstützten. Die "Edlen" und die Geistlichkeit im Sachsenlande wurden durch den Aufstand in Schrecken versetzt. Viele von ihnen flohen. Sie fürchteten, die sächsischen Bauern würden sie mit ihren Nachbarn, den Normannen und Slawen, bei denen die alten, freiheitlichen Sitten noch bestanden, vereinigen, um alle Adligen niederzumachen. Mit großer Mühe gelang es Ludwig dem Deutschen im nächsten Jahr, den Bauernaufstand niederzuringen. Die Siedlungen der Aufrührer wurden mit Feuer und Schwert vernichtet, die Rädelsführer erschlug und henkte man zu Hunderten, die Anzahl der Verstümmelten ging in die Tausende. Hierzu bemerkt der Chronist gelassen: "Mit schwerer Hand unterdrückte er (Ludwig der Deutsche) den gewaltigen Aufruhr der Bauern, die ihre gesetzlichen Herren bedrängen wollten. Die Anführer der Aufständischen ließ er hinrichten." Ein anderer Chronist fügt bei der Beschreibung dieses Ereignisses hinzu:"... durch diesen schweren Schlag gegen die Aufständischen erniedrigte er (der König) sie in ihren früheren Zustand" ( das heißt, er stellte ihre Abhängigkeit von den Herren wieder her).

Auf diese Weise wurden die Bauern niedergezwungen. Im 11. Jahrhundert war die Masse der Bauern schon hörig. Mutlos und in sein Schicksal ergeben, schritt der Bauer hinter dem Pfluge her, wohl wissend, daß die Früchte seiner Arbeit zum größten Teil dem Grundherrn, einem Nichtstuer, zugute kommen werden. Droben auf einer stattlichen Anhöhe, auf steilem Berghang, ragte jetzt die unzugängliche Burg des Feudalherren, dem Nest eines Raubvogels vergleichbar. Von dort stürmten der Feudalherr und sein Gefolge - Ritter in Stahlpanzern - hinab ins Tal, wo die Bauern in elenden, rauchgeschwärzten Hütten hausten. Wehe dem, der sich einfallen ließ, dem Herrn nicht zu gehorchen. Aber auch dann, wenn der Bauer einsah, daß jeder Widerstand nutzlos war, wenn er gehorsam alle Forderungen seines Herrn erfüllte, so durfte er sich doch nicht in Sicherheit wähnen. Die Feudalherren führten beständig Krieg miteinander, und um die Macht des Gegners zu schwächen, richteten sie seine Bauern zugrunde, indem sie die Dörfer niederbrannten, das Vieh wegschleppten und die Saat auf den Feldern zertraten. Die wilde Jagd der Ritter und ihre Knappen brauste über die Äcker der Bauern dahin und vernichtete alles, was ihr in den Weg kam. Den Bauern auszuplündern, das war ein Zeitvertreib für die edlen Räuber.

"Sah ich einmal den Bauern laufen
Mit Hab und Gut und Kind und Vieh,
Gejagt von einem Heereshaufen -
Ein schön'res Schauspiel hatt' ich nie."

So sangen die Troubadoure im 12. Jahrhundert, ihren "edlen" Zuhörern zu Gefallen. Selbstverständlich ergaben sich die Bauern nicht immer unterwürfig in ihr hartes Los. Wie hoffnungslos ihnen auch der Versuch erschien, sich von der Unterdrückung durch den Feudalherren zu befreien, bisweilen erschöpften sich ihre Geduld, und sie nahmen Rache an ihren Unterjochern. Ein Chronist des 10. Jahrhunderts, Guillaume de Jumiège, berichtete von einem großen Aufstand der Bauern der Normandie am Ende des 10. Jahrhunderts:
"In verschiedenen Grafschaften der Normandie kamen die Bauern zusammen und beschlossen, nach ihrem eigenen Willen zu leben. Nach eigenem Gesetz wollen sie Anteil haben an den Gütern des Waldes und dem Segen der Gewässer, ohne sich um irgendein Verbot zu kümmern. Um ihren Beschlüssen die nötigen Geltung zu verschaffen, wählte das in Wut geratene Volk auf jeder Versammlung zwei Bevollmächtigte, die ihre Beschlüsse der allgemeinen Versammlung des Landes zur Bestätigung vorlegen sollten. Als der Herzog davon Kenntnis erhielt, sandte er ohne Verzug den Grafen Raoul mit einem Ritterheer gegen sie aus, der Frechheit der Dörfler und ihrer Gemeinschaft ein Ende zu bereiten. Ohne Zögern ergriff Raoul heimlich alle bäuerlichen Bevollmächtigten und noch manche Bauern dazu, ließ ihnen Hände und Füße abhacken und schickte die so Verstümmelten zu ihren Mitverschworenen, damit diese von ihrem Vorhaben abgehalten und durch das statuierte Exempel zur Vernunft gebracht würden, auf daß sie nicht noch tiefer in ihr Unglück rannten. Die derart zur Räson gebrachten Bauern beeilten sich, ihre Versammlungen abzubrechen, und kehrten zu ihren Pflügen zurück..."

Zu Anfang des 11. Jahrhunderts erhoben sich die zur Verzweiflung getriebenen Bauern der Bretagne, doch "ohne Führer und Waffen." Die Ritter ertränkten diesen Aufruhr in Strömen von Blut. Doch hier und da flackerten immer noch Unruhen auf.

"Am Vorabend der Kreuzzüge", so berichtete der Chronist, "hatten viele Menschen nicht genug zu essen, und die armen Leute überfielen die Reichen und beraubten sie aus Rache." Den Ritter war es allmählich zur Gewohnheit geworden, sich für auserwählte, edle Menschen zu halten, und sie sahen mit Verachtung auf das einfache Volk herab, das nach ihrer Auffassung dazu bestimmt war, sie zu ernähren und zu kleiden. Und dabei mußte das Volk gefügig und den Herren ergeben sein. "Der Bauer darf kein Fett ansetzen. Der reiche Bauer ist widerspenstig und bestrebt, den Gehorsam aufzusagen. Darum muß man die Bauern knapp halten." Bezeichnend für eine solche Einstellung ist ein Liedchen aus dem 12. Jahrhundert, in dem die Gesinnung des adligen Ritters ihren Ausdruck findet:

"Bauern, bös und unbescheiden,
Mögen Ritter gar nicht leiden,
Hassen ihren eignen Herrn.
Als Bettler nur hab' ich sie gern!
Das Volk soll bleiben, wie es war,
Hungernd und der Kleidung bar,
Duldend, frierend immerdar."

Und weiter:

"Bauer lebt wie ein Schwein dahin,
Hat für Anstand keinen Sinn.
Wird er aber einmal reich,
Unverstand zeigt er sogleich.
Dörfler dürfen fett nicht werden,
Darben sollen sie auf Erden.
Halten sie wie unsre Herden..."

Während des ganzen Mittelalters war die Bauernschaft gezwungen, sich mit ihrem bösen Geschick abzufinden. Sie war nicht in der Lage, ihren Befreiungskampf mit Aussicht auf Erfolg zu führen. Alle Bauernaufstände im Mittelalter wurden ohne Ausnahme unterdrückt.

Quelle: Erzählungen zur Geschichte des frühen Mittelalters, Volk und Wissen Volkseigner Verlag, 1955, von rado jadu 2000

 

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