Mittelalter

Drei kleinere Sagen von Karl dem Großen

Karl der Große

Kaiser Karl ist der Held und Heilige des deutschen Rechts, der Urquell aller Gesetzgebung und Rechtspflege.

Um alles den menschlichen Sinnen Ungewöhnliche sammelt sich ein Duft von Sage und Lied, wie sich Ferne des Himmels blau anläßt und zarten feinen Staub um Obst und Blumen setzt.

Der Sagenkreis von Karl dem Großen hat in Deutschlands Gauen eine ganz besondere Gattung von kleinen Mären gezeitigt, die den großen Kaiser als Schirmer der Verfolgten preisen. Karl ist, wie Uhland schön sagt: " der Held und Heilige des deutschen Rechts, der Urquell aller Gesetzgebung und Rechtspflege. " Das "friesische Rechtsbuch" leitet von ihm den Ursprung seiner Gesetze ab, und im "Schwabenspiegel" heißt die alte lex Alamannorum "Karls Recht", und auch die Einsetzung der Vehmgerichte ward ihm zugeschrieben.

Unter den Sagen, in denen die volksmäßige Anschauung von dem gerechten Richter Karl in eigentümlicher Weise zum Ausdruck kommt, ist eine der interessantesten die vorliegende von dem Kaiser und der Schlange, die sich in Enikels Reimchronik und bei "Scheuchzer" itin. alpino (hier ist Zürich als Stadt genannt) findet und mehrfach auch poetisch behandelt worden ist.


Der Schlangenring Kaiser Karls Heimkehr Eginhard und Emma

Die Schlange

Der Schlangenring

Der Kaiser Karl der Große war stets aufs eifrigste bestrebt, Recht und Gerechtigkeit zu üben in allen seinen Landen, und er saß häufig selber zu Gericht, um die Klagen und Beschwerden seines Volkes entgegen zu nehmen und zu schlichten. Er hatte an dem Tore seines Palastes eine Säule errichten lassen, an deren oberem Ende eine Glocke an einem Seil hing, das jeder ziehen durfte, der in Nöten von dem Kaiser selbst Recht verlangte. Eines Tages nun, als Karl gerade beim Mahl saß, geschah es, daß die Glocke gar laut erscholl, aber als die Diener hinab eilten, wurden sie niemand gewahr. Während sie dies berichteten, klang jedoch die Glocke von neuem, und der Kaiser gebot ihnen, nochmals zu gehen und genau acht zu haben, wer der geheimnisvolle Bittsteller sei.

Als sie nun achtsam hinzutraten, gewahrten sie, daß eine buntfarbige Schlange sich an dem Seile emporgewunden hatte und die Glocke zog. Stracks eilten sie zum Kaiser zurück und berichteten ihm das staunenswerte Begebnis. Karl erhob sich alsbald und begab sich hinab, da er dem Tiere so wenig als den Menschen sein Recht vorenthalten wollte.

Als die Schlange den Kaiser gewahrte, erhob sie sich ehrerbietig vor ihm und kroch, ihm mit dem Kopf winkend, zu dem nahen Flußufer, wo sich ihr Nest befand, auf dessen Eiern eine riesengroße, häßliche Kröte saß, die der Schlange Trotz zu bieten gewillt war und nicht von dannen wich. Da entschied der Kaiser den Zwist der beiden Tiere in der Art, daß er der Schlange recht gab und die Kröte wegen ihres räuberischen Überfalls zum Tode verdammte. Dieses Urteil wurde alsbald vollstreckt und die Kröte verbrannt.

Am Tage darauf kam die Schlange zur Mittagszeit wieder, sie neigte sich abermals vor dem Kaiser, wand sich darauf auf den Tisch und ließ aus ihrem Mund einen kostbaren Edelstein in des Kaisers Becher fallen, darauf neigte sie sich nochmals und verschwand dann aus dem Saal.

Jedermann bewunderte den von der Schlange gebrachten Stein, denn er war von wundersamem Glanz und Feuer, und Karl ließ ihn deshalb in einen Ring fassen, den er seiner Gemahlin schenkte. Der Stein aber hatte die geheime Kraft, daß er den Kaiser unaufhörlich zu demjenigen hinzog, der ihn besaß.

So kam es, daß Karl seine Gemahlin immer um sich haben wollte und daß er stets, wenn er auf Fahrten abwesend war, Trauer und Sehnsucht nach ihr empfand. Als nun die Kaiserin erkrankte und starb, war Karl untröstlich und gestattete nicht, daß man seine geliebte Frau zu Erde bestatte. Vergeblich baten ihn seine Fürsten und Räte, er möge nach Gottes Gebot den toten Leib wieder der Erde zurückgeben lassen, der Kaiser hörte auf niemand, er saß immer bei der Toten, küßte und umarmte sie und redete zu ihr, als ob sie noch lebendig wäre.

Da hatte ein frommer Erzbischof, des Kaisers vertrautester Berater, ein Traumgesicht, welches ihm die Ursache des sonderbaren Gebarens seines kaiserlichen Herrn kund und offenbar machte. Er sah nämlich die Schlange vor der Leiche sich emporrichten und sich bemühen, einen Ring von der Hand derselben herabzuziehen. Der Gottesmann ahnte, daß dieser Traum ihm von oben gesandt sei, und begab sich am Morgen in aller Frühe in das Gemach, wo die Tote lag, und zog ihr, ohne das der Kaiser merkte, den Ring mit dem Schlangenstein, den sie noch immer trug, von der Hand. Als er nun mit dem Geschmeid wieder weggehen wollte, stand der Kaiser auf, warf sich schluchzend in seine arme und bat ihn, nicht von ihm zu gehen.

Die unwiderstehliche Sehnsucht und Neigung, die er bis zu diesem Augenblick für seine Gemahlin gehegt hatte, wendete sich jetzt auf den Bischof, den er gar nicht mehr von sich lassen wollte. Die tote Kaiserin war vergessen und durfte nun alsbald bestattet werden, der Bischof aber mußte bleiben. Karl tat fortan nichts mehr ohne ihn, und der fromme Mann hatte Gelegenheit, viel Gutes zu tun und zum besten der Kirche gar manches Werk zu vollführen, das ihn sonst nicht vergönnt gewesen wäre, aber sein frommes Gemüt nahm doch Anstoß an der zauberhaften Macht, die ihm durch den Stein verliehen war, und er warf deshalb nach einiger Zeit den Ring in eine warme Quelle nahe der Stelle, wo man die Kaiserin beerdigt hatte.

Von der Stunde an gewann der Kaiser diesen Ort so lieb, daß er nicht mehr davon weichen wollte; er ließ in dem warmen Quellwasser Bäder errichten und bald darauf nahe der Stelle eine große kaiserliche Pfalz und ein Dom erbauen. Hieran schlossen sich binnen kurzem Häuser für das Gesinde und die Handwerksleute an, und bald war aus dem Ort eine Stadt geworden, die von Karl Aachen genannt wurde und in der er nun den größten Teil seines Lebens zubrachte. Er verordnete auch, daß er nach seinem Tode in dem Dom begraben werden müßte, und das alle seine Nachfolger in dieser Stadt sich zuerst salben und weihen lassen sollten.

Es geschah nach seinem Gebot, und die Stadt Aachen bewahrt noch bis zum heutigen Tag die Gebeine des großen Kaisers.

Das ist die Sage vom Schlangenring.

Quelle: Germania's Sagenborn, Emil Engelmann, Paul Neff Verlag, 1889, von rado jadu 2001

Quelle

Der Stricker: Karl der Große Karl der Grosse (742-814). Karl
Karl der Grosse und Wittekind Karl der Große und der Krieg gegen die Sachsen 25. Dezember 800
Karl der Große - Pater Europae? Oder doch eine "karolingische Astronomie"? Karl der Große

Karl und der Zauberring

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