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Stadt

Volkbeslustigungen im Mittelalter

Der wachsende Wohlstand und die Macht der Städte im Mittelalter beförderten auf mancherlei Weise den Sinn für geselligen, heiteren Lebensgenuß. Gar mannigfaltig waren daher die Erholungen und Zerstreuungen, die dem arbeitsamen Handwerker winkten, wenn er Hobel, Nadel und Walkmesser aus der Hand gelegt, oder dem wohlhabenden Kaufmann, wenn er von seinen gefahrvollen Reisen reichen Gewinn glücklich heimgebracht hatte.

Wie die Ritter ihre Turniere, so feierten die Schützengilden in den Städten ihre Schützenfeste.

Draußen vor dem Stadttore auf der Bürgerwiese erhoben sich buntbewimpelte Zelte, die allerlei Schmuckflaschen und Leckerbissen feilboten oder die Schaulustigen durch verlockende Bilder und vielversprechende Anpreisungen einluden, einzutreten und die seltsamen Tiere aus fernen Ländern zu besehen. Ein buntes, wimmelndes Jahrmarktstreiben wogte um die Schießstätte her. "Offene Spiele", Wettkämpfe im Laufen, Springen und Steinwerfen, waren für Frauen und Knaben eigerichtet. "Glückstöpfe" waren ausgestellt, der Anfang unserer Lotterien. Jeder konnte gegen geringe Einzahlung einen Zettel ziehen; wer Glück hatte, erhielt einen Gewinn.

Daneben ertönten in anderen Zelten lustige Weisen der Zinken, Schalmeien, Querpfeifen, Trommeln, Dudelsäcke und Posaunen, nach denen frohe Paare sich lustig im Tanze schwangen. Würfelspiel und Becherklang, Singen und Jauchzen erschallte. Auf der einen Seite des großen Platzes ist eine lange Bahn durch Seile abgesperrt; am Ende erhebt sich eine Scheibe, die den ferne stehenden Schützen zum Ziele dient, oder eine hohe Stange trägt den Vogel, den man mit sicherem Schuß herunterzuholen bemüht ist. Die ganze Stadt, jung und alt, vornehm und gering, nimmt an dem Feste teil. Von ferne her sind die fremden Schützen herbeigeeilt, um die Preise zu werben, die je nach dem Treffer, den ein Schütze getan hat, verteilt werden. Goldene und silberne Pokale, kostbare Ketten und Armbänder, wertvolle Tücher und Kleider, die als Preise für den besten Schützen bestimmt sind, werden in einem besonderen Zelte ausgestellt und locken viele Neugierige heran.

Während die Schützen Schuß auf Schuß aus der Armbrust oder der Kugelbüchse abgeben, hält der Pritschenmeister, in Narrentracht gekleidet, mit seinem breiten Holzschwert, das klatschend auf den Rücken der Umstehenden niederfährt, Ordnung unter den Zuschauern, besingt die besten Schützen in launigen Versen und verspottet den Ungeschickten. Plötzlich ertönt ein ein lautes Beifallsrufen: der Meisterschuß ist getan; die Mitte der Scheibe ist getroffen, der Vogel von seiner Stange heruntergeholt. Jetzt ordnen sich die Schützen zum festlichen Einzuge in die Stadt. In bunte Uniformen gekleidet, voran der Hauptmann mit gezogenen Degen, in der Mitte der neue "Schützenkönig", kenntlich an der breiten, goldenen Ehrenkette, dahinter der Fähnrich mit der Fahne: so ziehen die Schützen, umgeben von einer zahllosen Menge, durch das altersgraue Stadttor, um das Fest mit einem munteren Gelage in dem großen Rathaussaale zu beschließen.

Die "Schützengesellschaften" entstanden meistens um die Mitte des 14. Jahrhunderts und haben sich zum Teil bis auf unsere Zeit erhalten. Fürsten und Könige begünstigten sie, bestätigten ihre "Schützenordnungen" und beschenkten sie mit mancherlei Vorrechten. Die zweckmäßige Einrichtung einer Schützenbrüderschaft und der Waffenübungen der Bürger waren in Zeiten der Gefahr gar oft von großer Bedeutung für die Sicherheit der Stadt und des Landes.

Auch Reichstage, Kirchenversammlungen, Einzüge fürstlicher Persönlichkeiten und Jahrmärkte waren von jeher eine willkommene Veranlassung zu allerlei Kurzweil. Auf die Schaulust des Volkes spekulierten bei diesen Gelegenheiten namentlich die "fahrenden Leute", die, unstet von Ort zu Ort ziehend, mit ihren mannigfaltigen Künsten die Vorgänger unserer heutigen Meß- und Jahrmarkskümstler waren. Unter ihnen waren die verschiedensten Gattungen vertreten: Kunstreiter, die abgerichtete Pferde vorführten, Bärenführer, die ihre plumpen Zöglinge zum lebhaftesten Erstaunen des gaffenden Volkes Tänze aufführen ließen, Taschenspieler, die Feuer fraßen und sonstige Kunststücke zu machen verstanden, wie sie heute noch von Jahrmarktskünstlern gezeigt werden, Krafthelden, die sich in allerlei körperlichen Kraftproduktionen zeigten, auch wohl paarweise als Fechter auftraten und sich für klingende Münze blutige Wunden schlugen, Puppenspieler , die ihre Puppen an Fäden bewegten und ihnen reden in den Mund legten, Possenreißer und Tänzer, vor allen aber Musikanten, die mit ihren Harfen und Fiedeln, Trompeten, Pauken und Flöten bei keiner öffentlichen Belustigung fehlen durften.

Alle diese Leute bezeichnete man mit dem Namen"Spielleute". Wenn man bei dieser Bezeichnung auch nicht ausschließlich an das Spielen musikalischer Instrumente denken darf.*), so waren unter jenen Leuten doch vorzugsweise diejenigen vertreten, welche als "Sänger" oder "Pfeifer" bei Hofe und an den Straßen, auf Ritterburgen und in Bauernhöfen, kurz überall, wo man sie hören wollte, und wo man bereit war, ihre Mühe mit einem guten Gericht, einem kühlen Trunk, einem abgetragenen Kleide zu vergelten, ihre Weisen ertönen ließen. Es waren die Nachfolger jener "ritterlichen Leute", welche die Kunst des Gesanges zur Zeit der Blüte des Rittertums gepflegt hatten und an Fürsten- und Ritterhöfen stets willkommen gewesen waren.

Das "fahrende Volk" der "Spielleute" aber gehörte meist einer ärmeren Klasse an; sie nahmen bei der Wahl ihrer Zuhörer wenig Rücksichten, und wie gern gesehen sie auch überall waren, standen sie doch nicht sonderlich in Achtung. Liederliches Leben, Trunksucht u.dgl. mochte man wohl manchen unter ihnen nicht ohne Grund zum Vorwurf machen. Der in den Augen des Volkes ihnen anhaftende Makel war: sie nahmen Gut für Ehre; sie gaben für das Gut, das sie empfingen, gleichsam ihre Ehre dahin und wurden darum in den deutschen Rechtsbüchern für ehrlos erklärt. Deshalb ist es begreiflich, daß in einer Zeit, worin fast alles zu Zünften und Innungen zusammentrat, auch diese Leute sich eng aneinander anschlossen. Im Elsaß traten sie zu einer wirklichen Genossenschaft zusammen; ein Herr von Rappolstein übernahm das Patronat über die lustige Zunft, und Kaiser Friedrich III. bestätigte ihn. Jetzt waren die Pfeifer und Geiger im Elsaß eine anerkannte Genossenschaft mit Brief und Siegel; niemandem im Lande außer ihnen war erlaubt, auf den Gassen und in den Schenken, bei Hochzeiten, Kirchweihen oder sonstigen Gelegenheiten zu spielen.

Die Herren von Rappolstein hießen jetzt"die Könige der Geiger und Pfeifer". Das "Pfeiferkönigreich" erstreckte sich "im oberen und unteren Elsaß zwischen Rhein und Gebirg vom Hauenstein bis zum Hagenower Forst". Rappoltsweiler war die Hauptstadt dieses wunderbaren Reiches. Hier, am Sitze des Pfeifergerichts, vor das die Rechtsfälle der Mitglieder gebracht werden mußten, wo der Oberkönig residierte, sammelte sich die Brüderschaft alljährlich zum großen "Pfeifertag" im September am Sonntage nach Maria Geburt in der Zunftherberge zur "Sonne". Das Zunftbanner mit Trompeten und Pauken voran, dann der von der Rappoltsteinischen Herrschaft ernannte Pfeiferkönig mit der vergoldeten Krone auf dem Haupte, die Schöffen des Pfeifergerichts in altertümlichen Aufputz, zum Schluß, je zwei und zwei, die Spielleute mit ihren tönenden Instrumenten: so ging der lustige Spielmannszug unter Glockengeläute und Volksjubel durch die Stadt ins Tal. Hinter den schroffen Felswänden in eine Seitenschlucht einlenkend, führten die von Kastanien beschatteten Steinpfade nach der versteckten Kapelle des Klosters Dusenbach.

Hier stand das wundertätige Marienbild, das der Kreuzfahrer Egenolf v. Rappoltstein aus Konstantinopel mitgebracht hatte. Die Mutter Gottes von Dusenbach war nämlich die Schutzpatronin der Pfeifer und Geiger. Siegel und marke der Zunft zeigten ihr Bild. Hier mußten sie opfern, beichten und ihre Buße zahlen in Silber oder Wachs; hier wurde die große musikalische Messe abgehalten, zu der jeder auf seinem Instrument spielte, was er wollte. Dann ging der Zug vor das Schloß, um der "Herrschaft im Königreich" zu huldigen, worauf der Pfeifertag im Zunfthause mit fröhlichem Tanze, mit Mahl und Trunk schloß. Wer abgehalten war, die Jahresmarke selbst zu lösen und dem Feste beizuwohnen, mußte den Behinderungsgrund bezeugen lassen und alle Beiträge zahlen, als ob er zugegen gewesen wäre.

Ein großes Verdienst haben die fahrenden Sänger, die Pfeifer und Spielleute des Mittelalters sich dadurch erworben, daß sie für die Bewahrung und Verbreitung des Volksliedes sorgten, das besonders zu Ehren kam, als die Kunstdichtung verfiel. Wandernde Gesellen, Reiter, Landsknechte, Hirten, Jäger und fahrende Schüler sangen ihre Trink-, Liebes- und Wanderlieder voll kecker Worte und frischen Humors, die mit ihren leicht sangbaren Weisen in herz und Gedächtnis des Volkes Eingang fanden. Ein Lied, das in fernen Süden erdacht war, man wußte nicht, von wem, klang bald von den Lippen der fröhlichen Jugend im Norden, und was die rauhen Kriegsleute von ihren blutigen Kämpfen erzählten in ihren Liedern, sang man in kurzem allüberall. Der frische, fröhliche Klang, aber auch die schwermütige, gemütstiefe Weise so vieler dieser Lieder traf, so weit die deutsche Zunge klang, auf ein verwandtes Empfinden; es war, als ob in den gehörten Worten nur das läge, was man selber schon oft gedacht, und daher sang man sie den fahrenden Gesellen, die sie von Ort zu Ort trugen, gern und freudig nach.

Aber noch eine andere Zunft hat mit daran gearbeitet, daß der Sinn für das Volkstümliche im deutschen Volke nicht unterging. Das war die Zunft der "Meistersänger." — Als Geistlichkeit und höfische Kunst gleichzeitig an der Untergrabung jenes Sinnes arbeiteten, als das Rittertum immer mehr gesunken war, ging die Pflege der Dichtkunst nach und nach aus ihren Händen in die der Bürger über. Entweder schlossen sich die Meister eines und desselben Handwerks, wie in Ulm die Weber, in Kolmar die Schuhmacher, oder auch die gesangkundigen und gesanglustigen Meister aus verschiedenen Handwerken zu einer "Sängerzunft" zusammen. Wenn der ehrsame Handwerksmeister sein Webeschiffchen in Ruhe gestellt, Ahle und Pechdraht beiseite gelegt, die Nadel aufgesteckt und die Schere an den Wandhaken gehängt hatte, dann übte sich in der einsamen Stille seines Kämmerleins in der Nachbildung oder Erfindung künstlicher Gesänge. Kam dann der Sonntag heran, so wurde die mit bunten Schildereien gezierte "Schultafel" ausgehängt zur Ankündigung, daß am Nachmittag nach dem Gottesdienste auf dem Rathause oder in der Kirche "Schule" gesungen werden sollte.

Dann versammelten sich die Meister der Sängergesellschaft, ihre "Singer" und Dichter, Schulfreunde und Schüler und ein großer Kreis von Bürgern und Bürgerinnen. Die Meister wollten ihre neu erfundenen "Töne" — so nannte man neue Gedichte in künstlichen Reimen — die Singer und Dichter die Nachdichtungen fremder berühmter Töne, die Schulfreunde und Schüler die Gesänge der Meister zu eigener Übung hören lassen. Tiefes, ehrerbietiges Schweigen herrschte in der zahlreichen Versammlung. Obenan saß der Vorstand, das sog. Gewerk, nämlich der Büchsenmeister oder Kassierer, der Schlüsselmeister oder Verwalter, der Merkmeister und der Kronmeister. Neben dem Merkmeister standen die Merker, die jeden Fehler sorgfältig anmerkten und am Schlusse des Gesanges das Urteil über die Sänger sprachen. Der vorzüglichste Sänger wurde dann von dem Kronmeister mit einem oft kostbar gezierten Kranze gekrönt, ihm auch wohl ein sog. Kleinod an einer Kette um den Hals gelegt; in manchen Städten besaß die Meistersängergesellschaft einen ansehnlichen Schatz von Kleinodien, so daß diejenigen Meister, welche schon früher gekrönt waren, in jeder Singschule mit ihren Zierden erscheinen konnten. Gekrönt und mit dem Kleinod versehen zu werden, war für den Gekrönten selbst, für Gattin und Kinder, für die Verwandtschaft und selbst für die Zunft, der er angehörte, die höchste Ehre und freunde. Die besten Gedichte wurden in ein großes Buch geschrieben und von dem Schlüsselmeister sorgfältig aufbewahrt.

Ehrbar, streng und fromm übten diese Meister ihre Kunst, und Jahrhunderte lang dauerte die Übung des Meistergesanges. Im 16. Jahrhundert war er am lebendigsten; Hans Sachs, ein Zeitgenosse Luthers, Schuhmacher zu Nürnberg, hat mehr als 6000 Gedichte hinterlassen. In dieser Stadt wurde um das Jahr 1770 die letzte Singschule gehalten, während in Ulm die letzten Meistersänger noch 1830 ihre alten Töne sangen.

Eine besondere Veranlassung zu einer allgemeinen Volksbelustigung gab stets die Fastenzeit. Ein Schriftsteller um das Jahr 1500 beschreibt sie also: "Zur Fastnachtszeit pflegt man viel Kurzweil und Spektakel mit Stechen, Turnieren und Tanzen. Da verkleiden sich die Leute, laufen wie Narren und Unsinnige in der Stadt umher, und wer das Närrischste erdenkt, der ist Meister. Da sieht man in seltsamer Rüstung und Mummerei die Frauen in Manneskleidern und die Männer in weiblichem Gewande, und ist fürwahr Scham, Zucht und Ehrbarkeit an diesem christlichen Feste teuer. Auch geschieht viel Büberei; alle Bosheit und Unzucht ist ziemlich an diesem Feste. Etliche laufen ohne alle Scham nackend umher; etliche kriechen auf allen Vieren wie die Tiere. Etliche sind Mönche, andere Könige. Etliche gehen auf hohen Stelzen mit Flügeln und langen Schnäbeln; etliche sind Affen, andere Bären, noch andere Teufel." —

Die Fastnachtsspiele setzten sich sogar bis in die Kirche fort; eigene, närrische Fastnachtspredigten wurden gehalten. Überhaupt dienten die kirchlichen Feste dem Volke stets als Tage der Freunde, und davon hatte man im Mittelalter eine stattliche Reihe im Jahre. Der den sinnlichen Genüssen sehr ergebene Charakter des Landvolks sowohl wie der Stadtbewohner gab all den kirchlichen Festtagen ein buntes, lärmendes Gepräge durch Prozessionen, Schmausereien, Gesänge, Tänze und spiele. Sehr oft wurden an solchen Tagen Spiele aufgeführt, die biblische Darstellungen zum Gegenstand hatten, wie die Enthauptung Johannis des Täufers, die Leidensgeschichte des Herrn u.a.; aus ihnen ist unser heutiges Drama hervorgegangen.

Auch der "wunderschöne Monat Mai", der Bote des Frühlings, gab den alten deutschen Bürgern und Bauern Gelegenheit zu Lust und Jubel. Man dachte sich den Winter als einen feindseligen Riesen, den Sommer als einen knabenhaften, holden Jüngling, der gewaffnet auszog, um den gehaßten Gegner aufzusuchen und zu überwältigen. Ein Knabe zog daher als Sonnengott an der Spitze gewaffneten Genossen in den Wald. Er trug Laub- und Blumenkränze an Stirn, Brust und Schulter und kehrte, nachdem Scheinkämpfe im Walde abgehalten waren, als Sieger mit Jubel heim. Sein Gefolge führte zum Beweise des Sieges grüne Birkenzweige mit sich. Ein hoher, glattgeschälter Baum mit grüner, bunt bebänderter Krone wurde aufgepflanzt. Unter ihm wurden allerlei Leibesübungen, Gesang und Tanz abgehalten. Auf dem Lande erhielt sich diese Sitte des "Maifestes" und des "Maibaumes" am längsten.

Familienfeste boten den Mitgliedern eines Hauses und ihren Freunden willkommene Gelegenheit zu Lust und Frohsinn. Besonders wurden die Hochzeiten von jeher sehr glanzvoll gefeiert. Der Luxus in den Speisen und Getränken, die Kleiderpracht und die Zahl der Gäste artete dabei oft dermaßen aus, daß besondere Luxusgesetzte erlassen werden mußten, die dem Unwesen steuern sollten. Im Jahre 1493 richtete der Bäcker Veit Gundlinger zu Augsburg seiner Tochter eine Hochzeit aus, bei der an 60 Tischen gespeist wurde. An jedem Tische saßen 12 Personen, Junggesellen, Frauen und Jungfrauen, zusammen 720 Gäste. Die Hochzeit dauerte acht Tage; es wurde so gegessen, getrunken und getanzt, das schon am siebten Tage "viele wie tot hinfielen."

In Frankfurt wurde 1415 eine bürgerliche Hochzeit gefeiert, bei der über 100 Gäste eine Woche lang in Saus und braus lebten. Es wurden auf dieser Hochzeit 6 Ohm Wein, 120 Kilogramm Rindfleisch, 315 Hühner, 30 Gänse, 3100 Krebse, 1420 Weißbröte verzehrt. Derartige Übertreibungen waren im 14., 15. und 16. Jahrhundert nicht selten. Ja, die Eß- und Trinklust unserer Vorfahren ging so weit, daß selbst Leichenbegängnisses ihnen einen willkommenen Anlaß zur Befriedigung ihrer Zechlust boten. Welch derbe Sitten namentlich im Trinken herrschten, zeigt uns die Gewohnheit, daß Frauen und Jungfrauen es darin den Männern gleich zu tun bemüht waren. Es war etwas Gewöhnliches, wenn sie schon morgens zum Frühstück ganze Kannen voll Bier leerten, und von einem tüchtigen Schluck Wein schreckten sie nicht zurück.

Ein deutscher Herzog schuf für seinen Hof eine eigene Trinkordnung und verordnete, daß seiner Gemahlin zum Früh- und Vespertrunk "soviel Bier und Wein verabfolgte werden sollte, als sie verlangte." Das wird nicht wenig gewesen sein, da jedes adelige Fräulein "bloß vier Maß Bier täglich" erhalten sollte. Wie ist es da zu verwundern, wenn Ritter und angesehene Personen sich rühmten, recht viel im Trinken leisten zu können, wie denn ein brandenburgischer Oberkämmerer während einer Mahlzeit 18 Maß Wein zu sich zu nehmen gewohnt war!

Als im Jahre 1551 Winrich von Kniprode Großmeister des Deutschen Ordens wurde, gab es unter den viele Tage dauernden Festlichkeiten u.a. ein großes Ehrenmal, bei dem jeder, der daran teilnahm, ein silbernes Becken, das acht Flaschen Wein faßte, in einem Trunke leeren mußte. Ein Ritter von Bassenheim trank es dreimal aus und wurde dafür zum Schloßhauptmann ernannt.

Bei einer ähnlichen Gelegenheit wurde das Dorf Hüsselsheim als Preis ausgesetzt für den, der ein Kurierstiefel mit Wein austrank. Ritter von Waldeck leerte ihn zweimal. Die Völlerei war so sehr im Schwange, daß am kaiserlichen Hofe oft die wichtigsten Regierungsgeschäfte nicht erledigt werden konnten und die fremden Gesandten warten mußten, weil die Räte schon in den Frühstunden betrunken waren! Das Reichskammergericht zu Wetzlar verlangte sogar von seinen Beisitzern, daß sie nicht bloß in Gesetzesdingen bewandert seien, sondern auch die Kunst des Trinkens verständen, um "hochpreislichem Collegio vorkommenden Falls Ehre zu machen."

Dem maßlosen Essen und Trinken des Mittelalters tat die Verbreitung des arabischen Kaffees und des chinesischen Tees den meisten Abbruch; ; sie beschränkten das Wein- und Biertrinken in hohem Maße. Überhaupt begann allmählich jene Verfeinerung der Sitten, die eine Folge der Nachahmung des französischen Wesens war.

*) Das Wort "spil" heißt in der alten Sprache ganz allgemein Zeitvertreib, Belustigung, "spilman" derjenige, welcher aus der Belustigung ein Gewerbe macht.

Quelle: Kulturbilder aus Deutschlands Vergangenheit, Verlag Gustav Gräber, 1904, von rado jadu 2001



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