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Das deutsche Wohnhaus und das häusliche Leben im Mittelalter

Speisesaal

Das Innere der Wohnung des gewöhnlichen Bürgers hatte in frühester Zeit eine recht einfache Einrichtung. Auf häusliches Behagen, auf Tand und Zier, auf ruhiges Hinleben im Kreise der Familie verwandte er bis dahin verhältnismäßig wenig Sorgfalt; ihn beschäftigte sein Gewerbe, dessen Betrieb er gern über weitere Kreise ausdehnte, sein Stand, an den sein Wohl und Wehe geknüpft war, und die Stadt, mit der er stand und fiel.

Aber je kunstvoller das Handwerk ausgebildet wurde, desto reichhaltiger begann auch die innere Ausstattung der Wohnhäuser zu werden. Ein Wohnzimmer aus einem deutschen Bürgerhause des 15. Jahrhunderts hatte schon ein recht behäbiges und wohnliches Aussehen. Die Decke ist in Holz reich geschnitzt und in Felder geteilt; auch die Wände sind mit einer Holztäfelung versehen, die reiches Schnitzwerk aufweist. Die Fenster bilden tiefe Nischen in den dicken Mauern und sind aus kleinen runden oder viereckigen, in Blei gefaßten Scheiben gebildet, die entweder in der Mitte erhöht (Butzenscheiben) oder bunt bemalt sind und mannigfache Wappenschilder in verschiedenen Farben zeigen.

Die eine Wand ziert ein großer Kachelofen, dessen Gesims mit mancherlei Krügen, Tellern und Leuchtern bestellt ist. Rings an den Wänden und um den Ofen ziehen sich Bänke hin, mit Kissen oder Decken belegt. Der große Tisch, auf gekreuzten oder starken, runden Beinen ruhend, wird zur Essenszeit mit einem Tischtuch bedeckt, das in Falten bis zur Erde herabreicht. Einzelne Stühle mit geschweiften Lehnen, auch wohl mehrsitzige Bänke mit Rückenlehnen füllen das Zimmer. An der Wand erblickt man Börter und Gesimse (Tresuren), die mit tönernen, kristallenen, zinnernen, auch wohl goldenen und silbernen Schalen, Krügen und Leuchtern besetzt sind.

Auch auf dem geräumigen, kunstvollen Anrichtetisch und dem Schranke finden sich diese Gerätschaften. Eine selbstverschlossene Truhe, die zugleich einen gepolsterten Sitz darbietet, steht neben dem Fenster. Zur Beleuchtung dienen kunstvolle schmiedeeiserne, zinnerne oder messingene Leuchter, die mit Wachslichtern besteckt werden.

Die Tischgeräte waren insofern von den unsrigen verschieden, als man sich noch keiner Gabeln bediente. Erst seit dem 16. Jahrhundert wurden sie gebräuchlich und bestanden anfangs aus einer Art Zange. Auch waren, wenn man nicht das eigene Taschenmesser benutzte, nicht immer so viele Messer vorhanden, als Tischgäste da waren; man reichte sie einander umher. Die Finger mußten soviel wie möglich Messer und Gabel ersetzen; festere Speisen führte man stets mit den Fingern zum Munde. Deswegen wurde in besseren Häusern vor und nach dem Essen Wasser zum Waschen der Hände herumgereicht.

Die Schüsseln und Teller waren meistens aus Zinn, bei Reicheren auch wohl aus Silber; der gemeine Mann aß aus hölzernen Schüsseln. In der älteren Zeit diente ein Stück Brot als Teller, das dann zum Schluß der Mahlzeit verzehrt wurde. Man trank in der älteren Zeit aus Hörnern, später aus Bechern von Gold, Kristall, Zinn oder Holz und schenkte den Wein aus großen Kannen. Der Wein war Volksgetränk; daneben trank man Bier, das in jeder größeren Haushaltung gebraut wurde. Auch Met, aus Honig bereitet, und Apfelmost, sowie nach den Bauernkriege auch Branntwein bildeten die Getränke.*1)

Die Gerichte waren von den unsrigen in den meisten Fällen sehr verschieden; auch liebte man , bei Festlichkeiten oder Besonderen Gelegenheiten recht vielerlei Speisen auf den Tisch zu haben. So hießein Speisezettel bei einem kirchlichen Feste um das Jahr 1300: Als erster Gang: Eiersuppe mit Safran, Pfefferkörnern und Honig, ein Hirsegemüse, Schaffleisch mit Zwiebeln, ein gebratenes Huhn mit Zwetschen; als zweiter Gang: sauer gesottene Speisefische, gebackene Barbe, kleine Vögel, in Schmalz hart gebacken, mit Rettig, eine Schweinskeule mit Gurken. —

Nicht selten wurden ganze Pfauen mit ihrem prächtigen Gefieder und mit ausgebreitetem Schweife auf die Tafel getragen, die, nachdem sie gebraten waren, mit ihrem Gefieder wieder besteckt worden waren. Aus Kuchenteig formte man mächtige Burgen, große Schiffe u. dgl. Bei einem Gastmahl, das Erzbischof Albrecht von Bremen vielen geistlichen und weltlichen Herren in Hamburg gab, kamen vergoldete Häuser, Türme und Berge auf die Tafel; darin befanden sich Pfauen, Schwäne, Hühner und anderes Geflügel, ungerupft gekocht und gebraten und doch äußerst schmackhaft! Brot und Fleisch waren die Hauptteile einer Mahlzeit; als Zukost zum Brot gebrauchte man wie heute Butter und Käse; daneben war Schmalz, das man beim Zurichten der Speisen nur ungern entbehrte, ein Hauptstück in jeder Vorratskammer und ein wichtiger Gegenstand des Handels.

Fleisch, das stets stark gewürzt war, bildete den Mittelpunkt der Mahlzeit; besonders liebte man Pfeffer als Gewürz. Dieser war darum ein sehr bedeutender Handelsartikel; Pfeffer mußte von Kaufleuten, die überseeische Waren einführten, als Zoll entrichtet und als Steuer dargebracht werden; ein Pfund Pfeffer reichte in einer mittelalterlichen Haushaltung nicht weit.*2) — Gemüse aß man wenig, oft nur in Zeiten besonderer Teurung. Erst nachdem die Kartoffel nach Europa gekommen war (im 17. Jahrhundert), wurde das Zugemüse zum Fleisch häufiger. — Morgens und abends bestand das Mahl fast immer aus einer Suppe an Stelle von Kaffee und Tee, deren Verbreitung erst im 17. Jahrhundert allgemeiner zu werden begann.

Natürlich war die Einrichtung in den Bürgerhäusern nach ihrer Reichhaltigkeit sehr verschieden und richtete sich stets nach dem Wohlstand ihrer Besitzer. Aber daß auch im Mittelalter bereits große Pracht in der Ausstattung bei vermögenden Bürgern herrschte, zeigt uns folgende Beschreibung von dem Wohnhause des reichen Kaufmanns Anton Fugger in Augsburg (1531):

"Welche Pracht ist nicht in Anton Fuggers Haus! Es ist an den meisten Orten gewölbt und mit marmornen Säulen gestützt. Was soll ich von den weitläufigen und zierlichen Zimmern, den Stuben, Sälen und dem Kabinett des Herrn sagen, das sowohl wegen der vergoldeten Gebälkes, als der übrigen Zierraten das allerschönste ist. Es stößt daran eine dem h. Sebastian geweihte Kapelle mit Stühlen, die aus dem kostbarsten Holze sehr künstlich gemacht sind. Alles aber zieren vortreffliche Malereien von außen und innen. Raymund Fuggers haus ist gleichfalls königlich und hat auf allen Seiten die angenehmste Aussicht in Gärten. Was erzeugt Italien für Pflanzen, die nicht darinnen anzutreffen wären; was findet man darin für Lufthäuser, Blumenbeete, Bäume, Springbrunnen, die mit Erzbildern der Götter geziert sind. Was für ein prächtiges Bad ist in diesem Teil des Hauses! Alle Türen des Hauses gehen aufeinander bis in die Mitte, so daß man immer von einem Zimmer ins andere kommt."

Ein anderer Chronist schildert einen Besuch in den Fuggerschen Hause folgendermaßen: " Es führte uns der Herr Fugger im Hause herum, was ein gewaltig großes Haus ist, daß der römische Kaiser auf dem Reichstage mit dem ganzen Hofe Raum darin hätte. Wir kamen in ein Türmlein, worin uns von Ketten, Kleinodien und Edelgesteinen, auch von seltsamer Münze und Stücken Goldes, wie Köpfe groß, ein solcher Schatz gezeigt wurde, daß er über eine Million wert war. Hernach schloß Herr Fugger einen Kasten auf, der lag bis zur Decke voll von Dukaten und Kronen; die gab er auf 200 000 Gulden an. Darauf führte er uns auf dasselbe Türmlein, das von der Spitze an bis zur Hälfte hinunter mit lauter guten Talern bedeckt war. Man sagt, der Herr Fugger hätte soviel, daß er ein Kaisertum bezahlen möchte."

Das Haus- und Familienleben eines Bürgers im Mittelalter hatte bei aller seiner Einfachheit Reize, um die es von jedem unserer Zeitgenossen mit Recht beneidet werden kann, der sich in seinen vier Pfählen nicht wohl fühlt. Der Hausvater war alleiniger Herr in seinem Hause und gebot darin unbeschränkt; keine fremden Verhältnisse, keine Rücksichten der Mode, keine unaufhörlichen Besuche störten die von ihm festgesetzte Ordnung. Seine Hausfrau, die gebietende Herrin in Küche, Keller und Speisekammer, war nicht weniger streng als er, konnte aber auch die Ordnung leicht aufrecht erhalten, denn sie verlebte nicht, wie es in unserer Zeit wohl geschieht, den größeren Teil ihrer Zeit außer dem Hause.

Kinder und Gesinde wurden in strengem Gehorsam gehalten; dafür aber standen sie auch dem herzen ihrer Eltern und Herren nicht fern. Keine Gastereien, keine Tee- und Spielgesellschaften unterbrachen die Ruhe und Ordnung des Hauses; nur nahe Freunde kamen zu einer Mahlzeit oder zu einem Trunk zusammen, und größere Familienfeste, bei denen dann allerdings in der Regel ein ungewöhnlicher Aufwand an Speisen und Getränken gemacht wurde, feierte man nur bei besonderen Veranlassungen, wie Hochzeiten, Taufen u. dgl. So ist es nicht zu leugnen, daß das häusliche Leben eines Bürgers selbst aus den vornehmeren Klassen nach heutigem Geschmack für gewöhnlich ziemlich einförmig war. Aber gerade diese Einförmigkeit, diese Ordnung und Ruhe war damals Bedürfnis. Das häusliche Leben der Bürger im Mittelalter mag nach den heutigen Begriffen von Zerstreuung und Bequemlichkeit nicht besonders ansprechend erscheinen; jedenfalls war es genügsamer und innerlicher, als es heute ist.

Der Mann trieb sein Geschäft mit Eifer und Liebe; es nahm den größten Teil der Tageszeit hin, und die Abendstunden verbrachte er gern im Kreise seiner Familie an der Seite seiner Hausfrau. Nur die gemeinsamen, öffentlichen Zerstreuungen, die bei Gelegenheit der jährlichen Schützenfeste, Jahrmärkte usw. dargeboten wurden, unterbrachen zeitweilig die Ruhe des häuslichen Lebens. Hin und wieder besuchte der Hausvater auch wohl abends die "Trinkstube" der Geschlechter oder das "Zunfthaus"; jedoch, wenn nicht besondere Feste dort abgehalten wurden, befand er sich, sobald die "Ratsglocke" ertönte, im Sommer um die neunte, im Winter um die achte Abendstunde wieder daheim; es galt für unanständig, ohne besondere Veranlassung länger auswärts zu sein.

*1) Es ist ein Irrtum, wenn man glaubt, daß im Mittelalter die Preise für Lebensmittel sämtlich viel niedriger gewesen seien als in unserer Zeit, und daß daher der Lebensunterhalt leichter zu erschwingen gewesen sei. Freilich ist es nicht leicht, den durchschnittlichen Preis der zum Leben notwendigen Dinge für die einzelnen Jahrhunderte oder für das Mittelalter überhaupt festzustellen; aber im allgemeinen läßt sich sagen, daß die mittelalterlichen Preise von den unsrigen nicht allzusehr abweichen. Das oft gebrauchte Wort von der "guten, alten Zeit" wird auch in dieser Beziehung bei näherer Betrachtung zu einer recht inhaltslosen Phrase. Einige Beispiele erden das erläutern. — Die gewöhnliche Münze war im späteren Mittelalter der Gulden zu 21 Groschen.

Um 1519 kostete, wie eine handschriftliche Aufzeichnung meldet, in Wittenberg ein Scheffel Roggen 12, ein Scheffel Gerste 15 und ein Scheffel Weizen 23 Groschen. Für diese drei Scheffel zahlte man 1880 daselbst etwa 40 Reichsmark. Demnach kamen damals 50 Groschen dem heutigen Geldwert von 40 Mark gleich; ein Groschen war also etwa 80 Pfennig von heute.

Nun kosteten damals 1 U. Pfeffer 14 Groschen, also nach heutigem Geldwert 11,20 M.; 1 U. Zucker 3 Groschen und 4 Pf.= 2,67 M.; 1 U. Reis 1 Groschen und 1 Pf. = 0,87 M.; 1 U. Rindfleisch 4½ Pf. = 0,30 M.; 1 U. Schweinefleisch 10Pf.= 0,70 M.; 1 Elle Tuch 5 Groschen = 4 M.; 1 Elle schwarzen Atlas 23 Groschen = 18,40 M.; 1 Elle Samt 46 Groschen = 36,80 M.

In der Regel wird man sich dem wahren Sachverhalt nähern, wenn man Pfennige gleich Zehnpfennigstücken, Schillinge oder Groschen gleich Reichsmark und 1 U. Pfennige gleich anderthalb Kronen setzt. — Charakteristisch sind auch die Löhne. Im Jahre 1379 gab man in Nürnberg an Tagelohn 2 Schilling = 2,60 M. In Ulm bekam 1425 eine Dienstmagd jährlich bis zu 6 U. Pfennige und 6 Ellen Tuch; ein Kindermädchen erhielt 2 U. Pfennige und 4 Ellen Tuch, ein Ackerknecht empfing 12 U. Pfennige. In Nürnberg bezog um das Jahr 1400 der Stadtschreiber ein Gehalt von 60 Gulden jährlich, also etwa 1200 M. Luthers Einkommen als Universitätslehrer betrug 300 Gulden, also etwa 6000 M. nach unserem heutigen Geldwert.

*2) Viel Fleischspeisen hießen geradezu Pfeffer. Man vergleiche die Redensart: Da liegt der Hase im Pfeffer.

Quelle: Kulturbilder aus Deutschlands Vergangenheit, Verlag Gustav Gräber, 1904, von rado jadu 2001



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