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Das Rittertum

Mit der Ausbreitung des Lehnswesens über Deutschland war der Adel an die Spitze der Nation getreten. Die Kriege wurden hauptsächlich durch ihn geführt; er kämpfte zu Roß und war dem Krieger, der nur zu Fuß diente, weit überlegen. Darum schätzte man ein Heer meistens nur nur der Zahl der Reiter. Zu den Zeiten Karls des Großen war das fränkische Reich bereits mächtig an eisengepanzerten Reitern, wie uns der Mönch Ekkehard vom Kloster St. Gallen erzählt; aber die inneren Kämpfe unter den nachfolgenden Karolingern hatte viele wehrhafte Männer hinweggerafft. Um die Zahl der berittenen Kämpfer zu vermehren, ordnete daher Heinrich der Vogelsteller zum Schutze gegen die reitkundigen Ungarn an, daß beim Heere nicht nur die Vornehmsten, sondern auch der älteste Sohn eines jeden Hofes zu Pferde erscheinen sollte. Der Dienst zu Roß aber erforderte einen größeren Aufwand und eine längere und anhaltendere Vorbereitung als der zu Fuß. Mit der Zeit bildeten daher die Reiter oder Ritter einen eigenen, besonderen Stand, der, obschon nicht immer mit Länderbesitz verbunden, doch ein hohes Ansehen genoß.

Die Aufnahme in den Ritterstand erforderte eine vieljährige Vorbereitung. Der Sohn eines Ritters blieb bis zum siebenten Jahr unter der Obhut der Mutter, die außer der leiblichen Pflege namentlich dafür sorgte, das die ersten Begriffe von Gott und der christlichen Religion in das kindliche Gemüt gepflanzt wurden. Dann kam er an einen fremden Hof, um hier gemeinsam mit anderen Knaben in strenger Zucht sich das anzueignen, was für einen Ritter erforderlich war. Die feine, höfische Sitte lernte er besonders in der unmittelbaren Nähe der Edelfrau; bis zum vierzehnten Lebensjahr war er als Edelknabe ihrem Dienste gewidmet. Zugleich ward er von Geistlichen, fahrenden Sängern oder altbewährten Knappen in den Kenntnissen und Fertigkeiten unterrichtet, welche die höhere Bildung der damaligen Zeit ausmachten. Von großem Umfange freilich war diese Bildung nicht; sie beschränkte sich hauptsächlich auf die Kenntnis der biblischen Geschichte und die Kunde von den Sagen und Begebenheiten der Vorzeit; vor allen Dingen aber waren es Musik, Gesang und Saitenspiel, worin der junge Ritter unterrichtet wurde. Schreiben und Lesen dagegen waren nicht allgemein verbreitete Fertigkeiten. Ein der Hauptaufgaben des Edelknaben war, seine körperliche Kraft und Gewandtheit auszubilden. Er übte sich täglich im Laufen und Springen, lernte Reiten und Schwimmen, schoß mit der Armbrust, warf den schweren Stein und übte sich im Gebrauch des Schildes, des Schwertes und der Lanze.

Im dritten Lebensabschnitt, vom vierzehnten bis zum einundzwanzigsten Lebensjahr, nahmen diese Übungen einen weiteren Umfang an. Der Edelknabe vertauschte jetzt den Dienst der Dame mit dem des Ritters; er wurde durch Umgürtung mit dem Schwerte wehrhaft gemacht und trat in den Stand der Knappen. Nun lernte er die verschiedenen Jagdkünste, Vögel und Hunde abzurichten, mit dem Falken zu jagen, dem Hirsch zu verfolgen, ihn zu fällen und jagdgerecht zu zerlegen. Er lernte das Hifthorn blasen, und was sonst alles zu einem ritterlichen Jägersmann erforderlich war. Gleichzeitig war er der Waffenträger des Ritters; er sorgte für die Reinhaltung und den Glanz der Rüstung und Waffen, beaufsichtigte die Rüstkammer, besorgte die Pferde des Herrn, begleitete ihn auf die Jagd, zum Turnier und in den Krieg. In der Schlacht blieb der Knappe in der Nähe seines Herrn, um ihm im Fall der Not zugleich zur Hand zu sein. Seinem Herrn in einer Schlacht Freiheit und Leben gerettet zu haben, war des Knappen höchster Ruhm. Daneben ward die Pflege des Geistes und des Herzens keineswegs vernachlässigt. Er suchte seinem Herrn in allen ritterlichen Tugenden unwandelbar nachzuahmen. Hatte er sich darin bewährt, so nahte sich mit seinem einundzwanzigsten Jahr die Zeit, wo er durch den Ritterschlag in den Ritterstand aufgenommen wurde.

Wenn nicht nach einer gewonnenen Schlacht oder nach einer besonders tapferen Tat der Knappe an Ort und Stelle ohne weitere Vorbereitung zum Ritter geschlagen wurde, geschah es meistens bei besonders festlichen Gelegenheiten. Der Knappe mußte sich durch Fasten und Beten, sowie durch den Genuß des heiligen Abendmahls auf die feierliche Handlung vorbereiten. Ein Gottesdienst leitete die Feier ein, wobei der Geistliche das dem Knappen zu verleihende Ritterschwert weihte. In weißer Kleidung nahte sich dieser dann dem Ritter, der ihm den Ritterschlag erteilen sollte. Jeder Ritter konnte die Ritterwürde verleihen; am liebsten empfing man sie vom Könige oder von anderen fürstlichen Personen. Nachdem der Knappe niedergekniet war, wurden ihm die Rittertugenden vorgehalten, deren er sich zu befleißigen hatte: die Wahrheit zu reden, das Recht zu beschützen, die Religion samt ihren Häusern und Dienern, die Schwachen und Wehrlosen, die Witwen und Waisen zu beschirmen, keinen Schimpf gegen Edelfrauen zu dulden und die Ungläubigen zu bekämpfen, dem Kaiser und seinem Stellvertreter zu gehorchen, demütig in Glück und standhaft im Leiden zu sein. Wenn der Knappe diese Gelübde mit einem feierlichen Eide beschworen hatte, empfing er mit den Worten: Im Namen Gottes, des heiligen Michael und des heiligen Georg mache ich dich zum Ritter!" mit der Fläche des Schwertes drei Schläge über die Schulter oder den Rücken, vielleicht eine Andeutung, daß dies die letzte Beleidigung sei, die er gesetzmäßig dulden dürfe. Sodann wurden ihm die einzelnen Stücke der ritterlichen Rüstung angetan: die goldenen Sporen, das Panzerhemd, Harnisch und Helm. Ein Pferd wurde ihm vorgeführt, und in dem nun folgenden Turnier konnte er seine neue Würde bewähren.

Die Bewaffnung des Ritters bestand aus Panzer, Helm, Schild, Speer und Schwert. Die früheste Form des Panzers war die Brünne. Anfangs bestand sie nur aus einem kurzen Rock von Leder oder starkem Zeug, worauf Schuppen oder Ringe aus Metall genäht waren, und deckte nur Rumpf und Oberarm. Später fügte man die Ringe ohne Unterlage zusammen und nannte dies Geflecht Kettenpanzer. Noch später trat an die Stelle des Ring- oder Kettenpanzers der Plattenharnisch, dem Bein- und Armschienen angefügt waren, so daß der ganze Körper geschützt war. Zur Zeit der Hohenstaufen kam die Sitte auf, bei festlichen Gelegenheiten über der Rüstung den sog. Wappenrock zu tragen, ein schönes, seidenes mit Gold durchwirktes und mit Edelsteinen besetztes Gewand, das von Frauen und Jungfrauen zierlich und mit großer Geschicklichkeit gearbeitet war. Zum Schutz des Kopfes diente der Helm. Anfangs nur eine runde Kappe aus Eisenblech mit einem über die Nase hinabreichenden Eisenstreifen, einem umgestülpten Topfe nicht unähnlich, nahm der Helm später eine gefälligere Form an und erhielt das Visier, einen Eisenring, der vor dem Gesicht zurückgeschoben und niedergelassen werden konnte. Man schmückte den Helm mit besonderen Zierraten, den Wappenzeichen des Ritters, Federbüschen, Tüchern u. dgl., die man von einer Dame als Geschenk oder im Turnier als Preis erhalten hatte. Auch das Roß des Ritters war oft teilweise gepanzert, wenigstens an Kopf und Brust. Auf dem Kopfe trug es einen Federbusch, und eine reichgestickte Decke hüllte es zum größten Teil ein.

Die Schilde bestanden aus Holz, das mit starken Leder überzogen war. Außerdem waren sie mit festen Eisenbeschlägen versehen. In der Mitte war ein stark vortretender Buckel angebracht. Die Gestalt des Schildes war dreieckig, schmal, nach unten spitz zulaufend. Während die Schilde des zwölften Jahrhunderts über einen Meter hoch waren, änderte sich die Gestalt im dreizehnten Jahrhundert; sie wurden kleiner, aber breiter. Die Vorderseite des Schildes war bemalt, und zwar mit dem Wappen des Ritters. Da letzterer meistens vom Kopf bis zu Fuß in Eisen gekleidet war, so daß er vollständig unkenntlich wurde, mußte er ein äußeres Erkennungszeichen haben. Hierzu wählte man das Bild eines Löwen, eines Drachen u. dgl. Diese Bilder waren auf den Schilden angebracht, und daraus entsprangen die Wappen. Jeder Schild hatte zwei Farben, eine Grundfarbe und die Farbe der aufgetragener Figur. Die fränkischen Schilde waren weiß und rot, die schwäbischen rot und gelb, die sächsischen schwarz und weiß. Das Wappen brachte der Ritter auch wohl auf seinem Helm, seinem Banner und über seinem Burgtore an.

Form

Ungefähr gleichzeitig mit dem Wappenzeichen entstanden auch die Namen der Ritter. Früher war jedermann nur bei seinem Vornamen genannt worden: Rudolf, Gottfried usw. Jetzt kamen die Geschlechtsnamen hinzu, die meistens von den Burgen und Besitzungen der Ritter entlehnt wurden, wie Rudolf von Habsburg, Gottfried von Bouillon usw. Schließlich wurde das Wörtchen "von" überhaupt als Zeichen ritterlichen und adeligen Standes angesehen und später bei Erhebung in diesen Stand dem bürgerlichen Familiennamen vorgesetzt.*1

Die Hauptwaffe des Ritters war das Schwert. Die alten Ritterschwerter waren den Rüstungen angepaßt: lang, breit, schwer, mit doppelter Schneide. Der Griff war häufig mit Gold und Edelsteinen geschmückt. Die Schwerter berühmter Helden trugen oft besondere Namen; so hieß Siegfrieds Schwert Balmung; Rolands Schwert führte den Namen Durendart.

Schwert

Die eigentliche Kriegswaffe, der Speer oder die Lanze, wurde nur in die Hand genommen, wenn es in die Schlacht oder zum Turnier ging. Der Speer bestand aus einem hölzernen Schaft, gewöhnlich aus Eschenholz, mit kurzer, zweischneidiger, eiserner Spitze, die beim Turnier, wenn nicht mit scharfer Lanze gekämpft werden sollte, durch eine kleine, stumpfe Krone ersetzt wurde. Am Schaft war meistens das mit dem Wappen des Ritters gezierte Banner befestigt. Nach unten wurde der Schaft dicker; am Ende, wo die Hand ihn umspannte, war er ausgekehlt; außerdem wurde die Hand durch eine Scheibe aus Eisenblech geschützt. Der Speer wurde als Stoßwaffe gebraucht; in wildem Laufe jagten die Ritter auf ihren Rossen mit wagerecht gehaltener Lanze aufeinander los. Es kam darauf an, den Gegner mit sicherem Stoße zwischen die Panzerschienen zu treffen und ihn zu durchbohren oder vom Pferde zu werfen. Waren die Lanzen zersplittert, begann der Schwertkampf.

Meistens hatten die Ritter ein festes Besitztum. Doch gab es daneben auch viele, die außer ihrem Roß und ihren Waffen kein Eigentum besaßen, und die darum von Land zu Land zogen, als Gäste bei anderen Rittern einkehrten und auf Kriegsdienst und Abenteuer auszogen. Man nannte sie "fahrende Ritter". Bald kamen wunderbare Erzählungen von Abenteuern in Umlauf, die solche Ritter bestanden haben sollten. Sie hatten nach den Volkssagen mit Riesen gekämpft, böse Zauberer, feuerspeiende Drachen bezwungen u.dgl.

Wenn der seßhafte Ritter nicht in die Schlacht gezogen war oder der Jagd pflog, dann lebte er daheim auf seiner Burg, die bestimmt war, den Ritter und seine Familie zu bergen. Die Burg war entweder in der Ebene erbaut und dann durch die umgebenden Sümpfe, Flüsse und Gräben gegen andringende Feinde geschützt, oder sie lag auf hohen Felsen, die nur von einer Seite zugänglich waren. Die äußere Umfassungsmauer schloß den Vorhof oder Zwinger ein, in dem die ritterlichen Übungen abgehalten wurden. In den Vorhof gelangte man durch das feste Burgtor, vor dem sich ein tiefer Graben mit einer Zugbrücke befand. Diese wurde mit Stricken oder Ketten niedergelassen. War es geschehen, so hatte man sich beim Pförtner zu melden, der in der Nähe des Tores wohnte. Dies geschah, indem man ins Horn stieß oder mit einem eisernen Klopfring an das Tor pochte. Ein zweites Tor führte von dem Zwinger in den inneren Burghof. Bevor ein Feind dahin gelangt war, mußte oft schon viel Blut vergossen werden. Waren die starken, mit eisernen Ketten verwahrten Torflügel gewaltsam geöffnet, so war das Fallgitter noch zu durchbrechen, ein aus Eisenstangen geschmiedetes oder aus starken Balken gezimmertes Gitter, das von dem über dem Tore befindlichen Turme niedergelassen werden konnte und bei seinem Fall oft viele Feinde erschlug. Häufig waren mehrere solcher Fallgitter im Tore angebracht. Über der Türöffnung befand sich oft eine sogen. Pechnase, ein erkerartiger Vorsprung mit einer Öffnung im Boden, durch die man den in das Tor dringenden Feinden Pech, siedendes Wasser usw. auf die Köpfe schüttete.

Burg

An das innere Tor schlossen sich die gewaltigen Ringmauern an, die oben ein Plattform und Zinnen hatten, deren Zwischenräume als Schießscharten dienten. Oft waren sie außerdem noch mit hölzernen Schutzdächern versehen. Hin und wieder, besonders an den Ecken, erhoben sich Türme auf den Mauern, aus denen man die letzteren von der Seite her mit Wurfgeschossen bestreichen konnte.

In dem inneren Burghofe standen die Wirtschaftsgebäude, sowie die Wohnungen für Knechte und Dienstleute. Das größte und hervorragendste Gebäude jedoch war der sog. Palas, der mehrere Stockwerke hoch und mit einem hohen, steilen Dach überdeckt war. Eine steinerne Freitreppe führte vom Hofe aus hinein. Über diese gelangte man in einen großen Saal, der sich von einem Ende des Palas bis zum anderen erstreckte. Hier hingen Waffen, Siegeszeichen und Ahnenbilder; hier bewirtete man die Gäste, lauschte den Liedern fahrender Sänger und verscheuchte, wenn draußen Sturm und Unwetter tobten, bei Schach- und Würfelspiel oder beim Becherklang die Langeweile. Der Fußboden war entweder gedielt oder mit Marmorplatten und Tonfliesen mosaikartig ausgelegt; in der Regel war er mit strohgeflochtenen Matten oder Teppiche bedeckt. An der kurzen Seite des Saales war der Fußboden etwas erhöht; es entstand eine Estrade, wo der Ehrensitz für den Hausherrn und die vornehmsten Gäste sich befand. Dort stand auch der reichgeschmückte Kamin. Der Mann wurde erleuchtet durch Wachskerzen auf kunstvoll geschnitzten oder schmiedeeisernen Kronleuchtern, die von der reich getäfelten Decke herniederhingen. An den Wänden standen ringsum Bänke, Schemel und mit Kissen belegte Truhen. Eigentliche Stühle gab es noch nicht. Um Tische herzustellen, legte man auf kreuzweis zusammengefügte Beine, die durch ein faltenreiches Tuch verdeckt wurden, eine mit einem weißen, durch goldene oder silberne Borten verzierten Tuche bedeckte eichene Tafel, die nach Beendigung der Mahlzeit wieder entfernt wurde*2).  

Die Wände waren meistens einfach getüncht, in den Burgen wohlhabender Ritter dagegen reich bemalt oder mit Teppichen verhängt. In die eine Wand des Saales war der Schrank eingelassen, der das kostbare silberne und goldene Tafelgerät barg, in welchem der Ritter oft seinen ganzen Wertbesitz anlegte. Da die Mauern des Palas sehr stark waren, entstanden durch die Fensteröffnungen tiefe Nischen, die man mit steinernen, kissenbelegten Sitzen ausstattete, zu denen Stufen emporführten. Hier war der Lieblingssitz der Damen. In älterer Zeit wurden die Fensteröffnungen durch hölzerne Läden verschlossen, die nur bei linder Witterung offen standen. Später ließ man hölzerne Rahmen anfertigen, die mit dünngeschabten Hornscheiben oder mit ölgetränktem Pergament zum Durchlassen des Tageslichts bespannt waren. Nur die Fenster der Kapelle waren wohl aus teurem bemalten Glas hergerichtet. Das Erdgeschoß des Palas war gewöhnlich gewölbt und diente zur Küche und zur Aufbewahrung von Lebensmitteln. Die Wohnräume der Familie befanden sich in der Regel in besonderen Nebengemächern, die sich an den Palas anschlossen, und die, weil sie heizbar waren "Kemenaten" hießen (vom lat. caminus, Kamin). Hier waren namentlich der Aufenthaltsort der Herrin und ihrer Dienerschaft, sowie die Schlafgemächer und die Räume für die weiblichen Arbeiten.

Der wichtigste Teil der Burg war ein großer Turm, der "Bergfried". Von seinen Zinnen hielt der Wächter Umschau und verkündete ankommende Gäste oder Fremde mit lautem Hornesruf. Als letzte Zufluchtsstätte im Falle der Not stand der Turm in großem Ansehen. Er war höher als alle übrigen Teile der Burg, damit der Gegner ihn nicht so leicht durch künstliche Belagerungstürme erreichen konnte, und befand sich stets auf der Seite, von wo am leichtesten Angriffe zu befürchten waren. Die Mauern waren von ungewöhnlicher Stärke und aus Felsenquadern erbaut. Der Eingang war sechs bis zwölf Meter über dem Erdboden. Auf Leitern oder Treppen, die in Kriegszeiten abgebrochen werden konnten, gelangte man zu der Tür. Der untere Raum des Turmes bis zu dem Geschoß, in welches die Tür führte, diente als Gefängnis. Es war das "Burgverließ", das unter besonderer Aufsicht des Burgvogtes stand, hatte gewöhnlich die Gestalt einer runden Kammer, oder von einem Gewölbe verschlossen, war dunkel und unheimlich und diente Schlangen und Kröten zum Aufenthaltsort.

Der Gefangene wurde durch eine Öffnung im Gewölbe an einem Seile hinabgelassen; ein Krug Wasser und ein Stück grobes Brot war seine Nahrung. Die einzelnen Stockwerke des Turmes waren durch Balkendecken oder durch feste Steingewölbe voneinander getrennt. Sie dienten den Burgbewohnern im Falle der Not als letzter Zufluchtsort, und konnte man auch im Turme vor dem Feind sich nicht mehr halten, so führte oft ein geheimer unterirdischer Gang unter dem Burghofe und den Ringmauern die Fliehenden ins Freie.

Wenn der Burghof geräumig genug war, wurde dort wohl auch ein Garten angelegt. Der Brunnen war, wenn die Burg auf einem Felsen lag, von großer Tiefe und von Rasenplätzen und Lindenbäumen umgeben, unter denen jung und alt gern zu Spiel, Tanz und Kurzweil zusammenkamen. Auf der Burg durfte die Kapelle für gottesdienstliche Zwecke nicht fehlen; der Geistliche oder Kaplan war eine wichtige Person. Er war des Lesens und Schreibens kundig, besorgte alle Schreibereien und unterrichtete die Kinder des Burgherrn. In der Zeit der Not aber griff er gewöhnlich tapfer mit zum Schwert.

Da die Hauptaufgabe der Ritter in Kampf und Krieg bestand, war es natürlich, daß sie sich auch in Friedenszeiten im Waffenhandwerk übten. Dazu dienten die Turniere (vom franz. tourner, drehen, wenden), ritterliche Waffenspiel, die in Frankreich ihren Ursprung genommen und unter Friedrich Barbarossa auch in Deutschland Eingang gefunden hatten. Es waren festliche Kampfspiele, die bei besonders feierlichen Gelegenheiten, wie Kaiserkrönung, Vermählungsfesten oder anderen wichtigen Anlässen, veranstaltet wurden, und durch die den Rittern Gelegenheit geboten wurde, im Lanzenstechen und Schwertkampf ihre Tapferkeit und Geschicklichkeit zu beweisen. Sie fanden meistens auf einem Burghofe, dem Marktplatz einer Stadt oder auf einem abgesteckten Raum in freien Felde Statt. Dieser Raum war von Schranken umgeben; auf besonders erbauten Gerüsten oder vor den Fenstern der umliegenden Häuser saßen die Zuschauer, unter denen sich nicht wenige Frauen und Jungfrauen befanden, vor denen die Ritter am liebsten turnierten, und nach deren Beifall sie am begierigsten waren.

Verschiedene Helme

Bei dem Turnier, das Kaiser Heinrich IV. 1098 zu Nürnberg hielt, waren 7 Fürstinnen, 15 Gräfinnen und 6 Landedeldamen und 148 Frauen und Jungfrauen vom Adel anwesend. An dem Turnier beteiligten sich 13 Fürsten, 29 Grafen, 13 Freiherren, 68 Ritter und 497 Adelige. — Die Ritter, welche an einem Turnier, zu dem sie durch besondere Herolde eingeladen worden waren, als "Kämpen" teilnehmen wollten, meldeten sich bei den Turniervögten. Dem Turnier ging die sog. Helmschau und die Ahnenprobe voran. Die Waffen und Pferde der Kämpen wurden geprüft, ob sie den Turniervorschriften entsprachen; jeder Ritter mußte nachweisen, daß er mindestens vier ebenbürtige Ahnen habe. Endlich wurde die Turniergesetze verlesen und der Turniereid geschworen.

Ritter

Durch diesen verpflichteten sich die Ritter, nicht mit einem bissigen oder schlagenden Pferd auf dem Kampfplatz zu erscheinen, keine anderen als die vorgeschrieben Waffen zu führen, mit dem Schwerte nur zu hauen, nicht zu stechen usw. Waren alle diese umfassende Vorbereitungen vollendet, so verkündete das Schmettern der Trompeten und das Wirbeln der Pauken den Beginn des Turniers. Reichgeschmückt, in strahlende Rüstung gekleidet, worüber der reichgestickte Wappenrock herabwallte, mit wehenden Helmbüschen, das Visier herabgelassen: so zogen die Ritter auf ihren mutigen, mit prächtigen, wappengeschmückten Decken gezierten Rossen in die Schranken, wo sie der Grieswärtel, der Aufseher des Kampfplatzes, empfing. Ein Herold rief die Namen derjenigen auf, die sich zuerst gegeneinander versuchen sollten. Entweder kämpften ganze Scharen gegeneinander, oder es war, namentlich in den späteren Zeiten, ein Zweikampf, der sog. Tjost.

Turnier

Auf ein gegebenes Zeichen sprengten die an den entgegengesetzten Enden des Turnierplatzes haltenden Kämpfer mit eingelegter stumpfer Lanze aufeinander los. Es galt, durch geschickte Wendungen mit dem Pferde die Schläge und Stöße des Gegners abzuwehren und ihn im gewaltigen Anprall aus dem Sattel zu heben oder ihm den Helm vom Haupte zu stechen. Meistens zersplitterten die Lanzen, und oft, wenn mehrere Male vergeblich das Lanzenstechen wiederholt war, so daß die aufwartenden Knappen ihren Herren keine neuen Speere zu reichen hatten, wurde der Kampf mit dem Schwerte ohne Spitze entschieden. Dann suchte man den Helmbusch oder den Schild des Gegners zu zerhauen, ihn durch Schwertschläge zu betäuben oder ihm durch Ringen das Schwert aus der Hand zu winden. War das Turnier beendigt, so erfolgte die Verteilung der Preise durch die Damen, nachdem die Preisrichter die Sieger bezeichnet hatten.

Unter dem Schalle der Pauken und Trompeten wurde der Sieg in jedem einzelnen Kampfe, der im Turnier ausgefochten worden war, demjenigen zuerkannt, der die meisten Speere verstochen oder die meisten Gegner "auf den Sand gesetzt" hatte. Der Preis bestand in einem Helm, einem Schwert, einer Kette oder einem anderen Kleinod und war des Ritters höchster Schmuck. Den Schluß des Turniers bildete ein munterer Festschmaus.

Oft kamen beim Turnier Verwundungen und gefährliche Unglücksfälle vor, indem der Speer durch die Rüstung in den Körper drang, oder der Kämpfer im Sturz mit dem Pferde sich schwer verletzte. Aus diesem Grunde schritt die Geistlichkeit schließlich gegen das Turnierwesen ein und versagte sogar den auf dem Turnierplatz Gefallenen ein ehrliches Begräbnis. Immerhin aber waren diese Kampfspiele ein vorzügliches Mittel, ritterlichen Sinn zu pflegen und wach zu erhalten.

Überhaupt war das Ritterwesen in den finsteren Zeiten des Mittelalters eine liebliche, wohltuende Erscheinung. In seiner Blütezeit war es der Hort tapferen Mutes und edler Gesinnung. Auch fand die Kunst des Singens und der Musik im Rittertum besondere Pflege. Ritterliche Edle zogen als "wandernde Sänger" von Hof zu Hof, von Burg zu Burg und ließen Ihre Lieder erklingen, in denen sie vor allem die "Minne", den zarten Dienst der Frauen, priesen, weshalb man sie die "Minnesänger" nennt. Doch noch anderen Inhalt hatten Ihre Lieder.

Sie sangen von Lenz und Liebe, von sel'ger, goldener Zeit,
Von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit;
Sie sangen von allem Süßen, was Menschenbrust durchbebt,
Sie sangen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt.

Die bedeutendsten unter den ritterlichen Sängern aus edlem Geschlechte waren Walter von der Vogelweide, Wolfram von Eschenbach, Hartmann von der Aue, Heinrich von Beldeck, Heinrich von Osterdingen und Gottfried von Straßburg. Selbst Kaiser und Könige ergötzten sich, wenn sie von den ernsten Sorgen der Regierung ruhten, an ritterlichem Gesange, und unter Friedrich II. erreichte die vaterländische Dichtkunst den höchsten Grad ihrer Entwicklung.

Die schönste Blüte des Rittertums waren die drei geistlichen Ritterorden. Es waren Verbindungen von Rittern, die durch andächtigen Glaubenseifer und unerschütterliche Tapferkeit das Muster echt christlichen und ritterlichen Sinnes gewesen sind, nämlich die Johanniter, die Tempelritter und der deutsche Ritterorden.

Der Johanitterorden hatte seinen Ursprung genommen, als sich im Jahre 1048 mehrere Kaufleute aus Amalfi in Unteritalien zusammengetan hatten, um die Pilger zu unterstützen, die oft krank und hilflos in Jerusalem ankamen. Sie bauten zu diesem Zweck in der Nähe des heiligen Grabes ein Kloster mit einem Hospitale, in dem kranke und hilflose Pilger unentgeltlich verpflegt werden sollten. Als Schutzpatron dieser frommen und nützlichen Stiftung wurde Johannes der Täufer gewählt. Darum hießen die Ordensbrüder Johanniter, auch wohl Hospitalbrüder. Sie verpflichteten sich zu den Gelübden des Gehorsams, der Keuschheit und der persönlichen Armut. Ihr Name ward in der ganzen Christenheit berühmt, und damit sich immer mehr zu dem frommen Dienste finden möchten, schenkten ihnen manche wohlhabende Christen des Abendlandes Geldsummen und vermachten ihnen liegende Güter, um so zur Bekämpfung der Ungläubigen ein frommes Werk zu stiften.

Nach der Eroberung Jerusalems teilten sich die Ordensbrüder in drei Klassen: Ritter, Geistliche und dienende Brüder. Während die Geistlichen den Gottesdienst besorgten und die dienenden Brüder pflegend am Krankenlager der Pilger saßen, bestiegen die rüstigen Ritter das Roß, um mit dem Schwerte in der Hand die Wallfahrten gegen die überall an den Wegen auflauernden Sarazenen zu schützen. Ihre Ordenstracht war ein schwarzer, mit einem achtspitzigen, weißen Kreuze geschmückter Mantel. Lange behauptete sich dieser Orden durch Eintracht und Tapferkeit gegen die mohammedanischen Waffen. Als aber das heilige Land an die Türken verloren ging, flohen sie nach der Insel Rhodus, und als sie auch hier von den Feinden verrieben wurden, gingen sie nach der kleinen Felseninsel Malta. Darum haben sie auch die Namen Rhodiser und Malteser Ritter geführt.

Der Orden der Tempelherren entstand nach der Eroberung Jerusalems im Jahre 1118. Er wurde von acht französischen Rittern gestiftet, die sich vereinigten, um die Pilger durch Palästina zu geleiten und sie mit gewaffneter Hand gegen die Ungläubigen zu schützen. Ihren Namen erhielten sie von dem Platze, auf dem einst der Tempel Salomonis gestanden hatte, und der ihnen vom König Balduin eingeräumt worden war. Der Papst verlieh ihnen den Vorzug, als Sinnbild ihres blutigen Berufes ein rotes Kreuz auf ihren weißen Mantel zu heften.

Ungewöhnlich schnell stieg das Ansehen dieses Ordens, der größtenteils aus Franzosen bestand, und er gewann durch reiche Mitglieder und fromme Vermächtnisse beträchtliche Reichtümer. Die meisten ihrer Güter hatten die Tempelherren in Frankreich, und der große Reichtum reizte die Habsucht des französischen Königs Philipp IV. Er beschuldigte die Tempelherren der schwersten Verbrechen, ließ sie in ein hartes Gefängnis werfen und auf grausame Weise foltern, damit sie Geständnisse machen sollten, wie er es wünschte. Sogar der Papst leistete ihm dabei hilfreiche Hand; er beschuldigte den Orden der Ketzerei und erklärte ihn auf der Kirchenversammlung zu Bienne für aufgehoben. Der Großmeister Jakob Molay wurde im Jahre 1314 mit 54 Ordensrittern lebendig verbrannt; die Besitzungen des Ordens nahm der König an sich.

Auch der Deutsche oder Marienritterorden hat seine Entstehung den Kreuzzügen zu verdanken. Er wurde im Jahre 1190 von Deutschen gegründet, und nur deutsche Ritter konnten Mitglieder werden. Ihre Ordenstracht war ein weißer Mantel mit schwarzem Kreuze. Nach dem Verluste des heiligen Landes wandten sie sich nach Venedig. Von hier sandte der Hochmeister Hermann von Salza im Jahre 1227 eine Anzahl Ritter unter dem Landmeister Hermann Balk nach Preußen, den bald ein größeres Kreuzheer nachfolgte, um die heidnischen Bewohner dieses Landes für das Christentum zu gewinnen. Dreiundfünfzig Jahre führten sie hier blutige Kriege. Endlich eroberten sie das Land. Im Jahre 1309 wurde der Sitz des Hochmeisters von Venedig nach Marienburg verlegt, und seitdem dehnte der Orden sein Gebiet und zugleich die deutsche Kultur mehr und mehr aus, bis die Niederlage bei Tannenberg 1410 gegen den König von Polen seine Macht brach. Im Frieden zu Thorn 1466 verlor er Westpreußen an Polen und mußte die polnische Lehnshoheit über Ostpreußen anerkennen. Im Jahre 1525 trat der Hochmeister Albrecht von Brandenburg mit dem meisten Ordensmitgliedern zur lutherischen Religion über und verwandelte das Ordensland in ein weltliches Herzogtum. Im Wiener Frieden (1815) wurde der Orden aufgehoben.

Quelle: Kulturbilder aus Deutschlands Vergangenheit, Verlag Gustav Gräber, 1904, von rado jadu 2001


*1) Die Entstehung der bürgerlichen Familiennamen ist erst in der Zeit des Emporblühens der Städte und der Machtentfaltung des Bürgertums, also im 12. bis 14. Jahrhundert, zu suchen. Ihre Mannigfaltigkeit erklärt sich aus verschiedenen Umständen. Bald wurde eine Familie nach der an ihrem Wohnsitz angebrachte Hausmarke benannt, die vielfach ein Tier darstellte, und so entstanden die Namen Löwe, Falke, Euler usw; bald benannte man sie nach der vom Vater auf den Sohn forterbenden Beschäftigung, woraus die Namen Müller, Schmidt, Brauer, Schumann, Metzger u.a. entstanden. Andere Namen sind auf das von einem Familienangehörigen einstmals verwaltete Amt zurückzuführen, wie Vogt, Richter, Schulze usw. Eingewanderte Familien wurden nach ihrer Herkunft genannt: Sachse, Hesse, Schweizer u.s.f. Oft sogar gab die Farbe der Haut oder der Bekleidung, auch wohl geistige oder körperliche Beschaffenheit Anlaß zu Familiennamen: Grün, Weiß, Schwarz, Bruhn; Lange, Klein, Kurz, Stark; Wunderlich, Wilde, Schreck usw. Die Entstehungsursachen der bürgerlichen Familiennamen sind so mannigfaltig, daß manche von ihnen heutzutage kaum noch erklärt werden können

*2 ) Von diesem Gebrauch rührt die noch jetzt für die Beendigung der Mahlzeit übliche Bezeichnung "die Tafel aufheben" her.


"Teile Dein Wissen ohne zu fragen, was Du davon hast, denn auch Du profitierst von dem Wissen anderer."

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