zurück

Gottesurteile

W. Müller-Bergström

Als ein subsidiäres Beweismittel an Stelle des Zeugen- oder des einfachen Eidbeweises tritt im germanischen, besonders im fränkischen Prozeß nicht selten das magische Verfahren des berufenen Gottesurteils ein. Man greift dazu bei einer Zeugen-, Eides- oder Urteilsschelte, besonders in einem Meineidsprozeß, ferner bei mangelnder Eidfähigkeit (der Frauen und Unfreien) oder zu feierlichster Beweisung. Christlich gedacht, sucht man hierbei eine Entscheidung der Schuldfrage durch ein wunderbares, von Gott gesandtes Zeichen. Viele Wege führen zu solchem Gottesurteil, doch stets geht dem eigentlichen Gottesurteilsverfahren ein Reinigungseid voraus, dessen Wert eben das folgende Gottesurteil bestimmen soll.

Aus dem 9. bis zum 13. Jh. sind zahlreiche liturgische Formeln erhalten, die diese Gottesgerichte erläutern. Sie stellen sich gerade als ein Kampf mit bösen Dämonen dar, die den Verbrecher beherrschen und von Tugend und Wahrheit abhalten. Alle Waffen der Kirche müssen zu solcher Teufelsaustreibung helfen. Durch Fasten und Gebet bereiten sich Priester und Angeklagter, ja alle Mitwirkenden vor. Eine Messe (mit Abendmahl) vollendet die innere Reinigung.

Die eigentliche Zeremonie wird eingeleitet durch eine gegen teuflische Verhärtung gerichtete Beschwörung des Angeklagten, die Schuld zu gestehen (adiuratio hominis), und eine Bannung aller störenden bösen Zauber und Segnung des reinigenden Elements (benedictio et coniuratio). Dann schreitet man zur Probe selbst, die, außer der Kaltwasserprobe, im Atrium der Kirche stattfinden soll.

Folgende Arten haben sich allmählich herausgebildet:
I. Feuerproben: Der Unschuldige bleibt wunderbarerweise ohne Brandwunde, obwohl er entweder die Hand oder den Leib dem Feuer selbst preisgibt (a) oder den Arm in kochendes Wasser taucht (b) oder glühendes Eisen tragend (c) oder beschreitend (d) berührt.
II. Wasserproben: Der Unschuldige, an Händen und Füßen gebunden, sinkt unter, während das Wasser den Unreinen, Schuldigen ausstößt, schwimmen macht.
III. Speiseproben: Der Unschuldige wird durch Einnahme einer besonders geheiligten Speise nicht geschädigt, in Europa entweder Brot und Käse (a) oder Hostie (b).
IV. Mannigfache Losproben. Diesen "einseitigen" Gottesurteilen, die nur den Angeklagten treffen, steht als "zweiseitiges" Gottesurteil.
V. Der Zweikampf zwischen Kläger und Beklagtem oder den Vertretern gegenüber, der aus der Einzelfehde vor Gericht sich auch zum Gottesurteilsverfahren gewandelt hat, der Kirche stets besonders verhaßt, während diese sich sonst nicht immer entschieden überall von den Gottesurteilzaubern ferngehalten. Deren Ursprung ist nicht eigentümlich germanisch, aber auch nicht in fremdem, etwa orientalischem Einfluß zu suchen.

Gottesurteilhafte Handlungen kennen alle Völker der Erde auf einer gewissen Kulturstufe. Es liegen ihnen, von jedem höheren Gottesglauben unabhängig, uralte Zwingzauber zugrunde, die durch ein meist widernatürlichen Zeichen Schuld oder Unschuld eines für ein Unrecht Verdächtigen feststellen wollen, verchristlicht zu Wunderzeichen der göttlichen Gerechtigkeit; solche magische Methoden der Verbrecherverfolgung sind zweifellos auch den Germanen ureigen, zum Teil wohl als indogermanisches Erbgut. Zu Gottesurteilen geworden, haben sie sich bis heute im Kampf gegen Dieb und Diebstahl im deutschen Aberglauben erhalten.

Dieser kennt neben jenen berufenen auch unberufene Gottesurteile, die ungesucht erscheinen: I. als anklagende Schuldzeichen, Lebensäußerungen des Ermordeten, so das Blutfließen der Wunde bei der sog. Bahrprobe (Glauben an den "lebenden Leichnam"); 2. als rechtfertigende Unschuldzeichen, Lebensäußerungen des (unschuldig!) Hingerichteten, so das Sprießen eines Seelenbaumes, das Stabwunder. Die Bahrprobe ist in Deutschland im 12/14,. Jh. auch noch zum berufenen Gottesurteil geworden.

Quelle: Deutscher Kulturaltlas, 1928-1936, Verlag Walter de Gruyter & Co., von rado jadu 2001

I. Feuerproben

Jahrhundert
a)
b) Kesselfang
c) Eisentragen
d) Pflugscharengang
8
fränk. lex Ribuaria ?
vorchristlich?
fränkisch, bes lex Salica
Gregor von Tours
westgotisch
Langobardisch
in älteren Gesetzen nicht belegt
in älteren Gesetzen nicht belegt
 
friesisches Recht
friesisches Recht
friesisches Recht
friesisches Recht
9
sächisch capitularia
bairisch?
lex Anglior. capitul. 803
Karl der Große 809: ut omnes luditium Dei credant bsque dubitatione
     
Synode Mainz 847
 
Opposition der Kirche: Agobart von Lyon (816-840), die Päpste Nikolaus I. (858-867) und Stephan V. (885-891), Synode v. Valence 855
9
Sage von der Kaiserin Richardis
Sage von der Kaiserin Richardis
fränk. Fall 876
Richardissage
   
Synode von Tribur
Synode von Tribur
 
Ein römisches Bußbuch wendet sich gegen jeglichen Betrug bei den Gottesurteilen, billigt also diese selbst durchaus
10/11
    Sage von Otto III. Sage von der Kaiserin Kunigunde
10/11
  Hofrecht Burchards von Worms 1023/25
Eindringen in Skandinavien!
Hofrecht Burchards von Worms 1023/25
Eindringen in Skandinavien!
 
12/13
  Kriegsartikel Friedrich I. 1154
Minden 1195
Halberstadt 1214
Straßburg 1215
Dichtung von Isoldes Gottesurteil
Berichte Caesars von Heisterbach
Kriegsartikel Friedrich I. 1154
Minden 1195
Halberstadt 1214
Straßburg 1215
Dichtung von Isoldes Gottesurteil
Berichte Caesars von Heisterbach
Stade 1191
Endgültiges kirchliche Verbot aller Gottesurteile durch Innocenz III:, das Laterankonzil 1215, ebenso Kaiser Friedrich II. in Sizilien 1231
12/13
  Trotzdem:
Sachsenspiegel
Schwabenspiegel
Synode von Trier
Sachsenspiegel
Schwabenspiegel
 
14
    Eisentragen  
14
  Mecklenburger Sage um 1350 Mecklenburger Sage um 1350 Mecklenburger Sage um 1350
15
Savonarola Braunschweiger Kriminalordnung
Hannover 1436
Rheingau 1445
Dithmarschen 1461
Röthebach (Schwld) 1485
Hexenhammer 1489
Schwänke!
Braunschweiger Kriminalordnung
Hannover 1436
Rheingau 1445
Dithmarschen 1461
Röthebach (Schwld) 1485
Hexenhammer 1489
Schwänke!
Braunschweiger Kriminalordnung
Hannover 1436
Rheingau 1445
Dithmarschen 1461
Röthebach (Schwld) 1485
Hexenhammer 1489
Schwänke!



II. Wasserproben.

Jahrhundert
Wasserpoben
bis 8
4. Jh.: oberrheinische Wasserprobe neugeborener Kinder! pactus Alamannorum ? sonst in den älteren Gesetzen unbelegt.
9
capit. Worms 829 (nur geg. heidnische Form?)
Hinkmar v. Reims verteidigt!
fränk. Fall 876
10/11
Convectus alsaticus 1051
12/13
Passau 1159
Sachsenspiegel
Schwabenspiegel
14
Ruprecht v. Freising 1328
rhein. Weistum 1338
15
pfälz Welstum 1423
Hannover 1436

III. Speiseproben

Jahrhundert a) Geweihter Bissen b) Abendmahlsprobe
bis 8
magische prüfende
Bauer-
Kommunion hellenistisch-christlicher Herkunft
magische prüfende
Standes-
Kommunion hellenistisch-christlicher Herkunft
9
friesisch? In den älteren Gesetzen nicht belegt friesisch? In den älteren Gesetzen nicht belegt
Capi. 809 gegen Betrug
Synode Worms 868
Regino v. Prüm
10/11
nur durch fränk. u. bair. Rituale belegt! geschichtl. u. sagenhafte Beispiele
z.B. Heinrich IV
Priesterprobe
12/13
nur gelegentlich bezeugt  
14
nur gelegentlich bezeugt  
15
nur gelegentlich bezeugt z.B. Hartlieb Betrug verspottende Renaissancenovellen


IV. Losproben

Jahrhundert
Losproblem
bis 8
urgermanisch fränkisch. bes. lex Ribuaria
Widerstand der fränk. Kirche unterdrückt den offiziell. Gebrauch
9
lex Frisionum (verchristlichte Form)
10/11
Strohhalmprobe
Proben des schwebenden Kessels u. des hängenden Brotes, bzw. der hängenden Bibel
12/13
Buchdrehen
Siebdrehen
14
 
15
Fehmarn 1450


V. Zweikampf

Jahrhundert
Zweikampf
bis 8
urgermanische gerichtliche Fehde - in sämtlichen Stammesrechten Gottesurteil der Freien trotz kirchlichem Widerstand
9
Erfindung einer zweiseitigen Kreuzprobe als Ersatz: capitularia 758/806
verboten capit. 818/819
Zweikampf capit. 816 bleibt in Gebrauch!
10/11
Im Hofrecht Burchards v. Worms und vielen andern Gesetzen bleibt der Zweikampf in dauernder Geltung doch stets ohne Liturgie
2/13
Sachsenspiegel
14
Kleines Kaiserrecht um 1303
Ruprecht v. Freising mainfränk. Weistum 1372 u.a.m.
15
bes. von den Städten bekämpft!


Mail