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Die Heilkunde im Mittelalter

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Medizin wurde zu Anfang des Mittelalters an den Universitäten fast ausschließlich von Personen studiert, die sich dem geistlichen Stande gewidmet hatten; Ärzte und Wundärzte waren mit geringen Ausnahmen Mönche oder weltliche Priester. Und wie bei den Griechen, Römern und Arabern, so lagen zu jener Zeit in der Hand ein und derselben Person all die Verrichtungen, die zur Heilkunde gehören: der Arzt schrieb Rezepte, bereitete sie und führte chirurgische Operationen aus.

Diese Kunst warf einen nicht unbeträchtlichen Gewinn ab, jedoch hatte sie zur Folge, daß die Mönche und geistlichen Brüder, die sie betrieben, ihren religiösen Pflichten nicht immer nachkamen. Mit der Zeit nahmen daher ihre Oberen Anstoß an der Ausübung der Heilkunde und wiesen darauf hin, daß die Ordensregeln derartige weltliche Hantierungen nicht gestatteten. Schließlich geschah es, daß den Mönchen die Beschäftigung mit der Heilkunde förmlich untersagt wurde.

Dieses geht unter anderem aus dem achten Kanon des Konziliums von Tours hervor, worin es heißt, kein Mitglied des regelmäßigen Klerus dürfe zur Ausübung der Heilkunde sein Kloster verlassen, und alle diejenigen, die zwei Monate lang dem Kloster fern blieben, seien als exkommuniziert zu betrachten. Wurden sie wieder aufgenommen, so nahmen sie die niedrigste Stufe ein und durften auf keine Beförderung rechnen. So kam es, daß die Geistlichen die Ausübung der Heilkunde einstellten: sie bereiteten nicht nur keine Heilmittel mehr, sondern enthielten sich auch der chirurgischen Eingriffe.

Diejenigen, die sich in der Folgezeit mit der Heilkunde beschäftigten, wurden in drei verschiedenen Klassen eingeteilt. Zunächst waren es die eigentlichen Gelehrten oder Doktoren, dann die Chirurgen jeder Art, und ferner die Apotheker und Spezereihändler, auch Krudener genannt. Außerdem gab es Leute, die sich zwar auch mit dem Kurieren befaßten, hauptsächlich aber das Beschwören und damit in Verbindung stehende Methode betrieben; diese bezeichnete man als Magier, Hexen oder Herbalisten, Alchimisten, Empiriker.

Was zunächst die Doktoren der Medizin betrifft, so hingen die Ärzte fast alle der Schule des Galenus an, verordneten eifrig Mixturen und ließen es sich angelegen sein, neue Mischungen zu erfinden. Ein Simplum, etwas Einfaches, vorzuschreiben, hätte für einen Beweis von Unfähigkeit gegolten. Man wetteiferte in der Häufung der einzelnen Bestandteile, suchte neue Stoffe zu erfinden und schrieb den Ingredienzien (Bestandteile) die wunderbarsten Heilkräfte zu. Diejenigen medizinischen Vorschriften, von denen man glaubte, sie seien unfehlbar, standen in den Kommentaren der medizinischen Werke sorgfältig verzeichnet.

Für jede Krankheit gab es unzählige Medikamente, die oft von ganz verschiedener Natur waren; eine umfangreiche Aufzählung dieser Medikamente ist in der sogenannten "Goldenen Rose" des Johann von Gaddesden vorhanden. Höchst interessant ist zum Beispiel, was dieser seinerzeit berühmte Arzt über die Behandlung der Pocken sagt. Nach einer unendlichen Folge von Heilmitteln und verschiedenen diätetischen Regeln fährt er fort: "Nun wollen wir noch ein ganz besonderes Mittel betrachten. Nimm ein Stück scharlachroten Tuches und wickele den Kranken ganz darin ein. Dieses tat ich, als mir der Sohn des Königs von England zur Behandlung anvertraut war. Ich sorgte dafür, daß alles rings um sein Bett von roter Farbe war, und es gelang mir die schönste Kur, und der Prinz genas, ohne daß die Krankheit eine Spur zurückließ."

Wie wir bereits erwähnt haben, war den Geistlichen die Ausübung der Heilkunde schließlich verboten worden. Sie vermochten aber die reichen Einnahmen, die ihnen daraus zugeflossen waren, nicht sobald zu verschmerzen, und um sich nun wenigstens noch einen Vorteil zu verschaffen, fanden sie Mittel und Wege, es durchzusetzen, daß jedem Doktor der Medizin die Behandlung eines Kranken verboten wurde, bevor nicht diesem eine entsprechende geistliche Hilfe zuteil geworden war. Dieses geht aus einem Kanon des zweiten Lateranischen Konziliums hervor.

Was die Chirurgen betrifft, so haben sich diese nachweislich bald der Hilfe der Barbiere und Kurschmiede bedient, und schließlich fiel die Chirurgie fast ganz in die Hände von Leuten, die ziemlich unwissend waren; wie denn auch die Wundärzte in der Gesellschaft einen recht untergeordneten Rang einnahmen. Am besten standen sich noch die Barbiere, weil sie in den Häusern der Reichen Zutritt hatten, die Bäder beaufsichtigten und Salben auflegten; auch vertrug sich der Gebrauch des ärztlichen Messers und der Lanzette ganz gut mit dem des Schermessers und der Schere.

Die, die lesen konnten, suchten aus verschiedenen Werken die ärztlichen Vorschriften zusammen, und auf diese Weise gestaltete sich nach und nach eine gewisse chirurgische Gelehrsamkeit, fast ebenso streng wie diejenige, womit die Scholastiker in älterer Zeit die Heilkunde versehen hatten. Manche Ärzte überließen die Behandlung von Verwundungen unbedenklich den Chirurgen, und so kam es, daß zum Beispiel Richard Löwenherz von England, der vor Chaluz durch eine Pfeil eine tiefe Wunde erhalten hatte, von einem Chirurgen behandelt wurde. Dieser war aber bei dem Herausziehen des Pfeiles dermaßen ungeschickt, daß der Brand hinzutrat und der König starb. (1199).

Diese Barbierchirurgen besaßen meist kleine Läden, deren Kennzeichen eine mit einer Bandage umwickelte Stange war. Man ließ sich daselbst die Haare schneiden, nahm Bäder, ließ sich die Ader schlagen und pflegte seiner Wunden. Um 1357 gibt Guido von Canliaco eine Beschreibung der zur Chirurgie gehörenden Abteilungen. "Es gibt fünf Sekten", sagt er. "Die Anhänger der Roger und Roland legen auf Wunden und Geschwüre aller Art erweichende Umschläge. Die des Brunus und Theodorich bedienen sich in gleichen Fällen des Weines. Die dritte Sekte, den Verschifften des Salicento und Lafranc folgend, behandelt die Wunden durch Salben und weiche Pflaster. Zur vierten Sekte gehören Deutsche, die Öl und Wolle anwenden und Zaubertränke gebrauchen. Die fünfte besteht aus Quacksalbern und weisen Frauen, die aber meist nur Unheil stiften und den Kranken das Geld aus der Tasche ziehen; auch nehmen die letzteren unaufhörlich zu den Heiligen ihre Zuflucht." Die Chirurgen benutzen ihre Messer und Glüheisen überall da, wo sich diese nur anbringen ließen; und sie schnitten und brannten, daß die die Patienten die entsetzlichsten Schmerzen auszustehen hatten.

Eine besonders hohe Blüte erlangte die Chirurgie im dreizehnten Jahrhundert auf den Universitäten zu Padua und Bologna, von wo sie etwa um 1295 nach Frankreich verpflanzt wurde und hier eine dauernde Pflegstätte fand. Der berühmteste unter den älteren französischen Chirurgen ist Guy de Chauliac, der um 1363 ein lange Zeit hindurch in hohem Ansehen stehendes Buch über Chirurgie schrieb.

Die Londoner Barbiere organisierten sich um 1447 zu einer Gilde; es erstreckte sich aber ihr Gebiet nur auf die Hauptstadt und die nächste Umgebung. Trotz ihres Privilegiums bildete sich eine von ihnen unabhängige chirurgische Körperschaft, die sich um 1540 aber wieder mit jener vereinigte.

Etwa um das Jahr 1370 waren zwei religiöse Orden in der Chirurgie Frankreichs und Englands gestiftet worden, nämlich die der Hospitaliter und die der Lazaristen. Anfangs waren sie manchen Verfolgungen ausgesetzt, dann aber erkannte man ihre Uneigennützigkeit und ihre Hilfsbereitschaft. Die Mitglieder der Hospitaliter vereinigten die Chirurgie mit ihren kriegerischen Aufgaben, während die des Lazarusordens zuvörderst den Zweck hatten, Aussätzige zu pflegen, wie denn auch zum nicht geringen Teile die Mitglieder selbst an Aussatz Leidende waren oder daran gelitten hatten. —

Schon lange Zeit vor der Einteilung der medizinischen Fakultät in Ärzte, Chirurgen und Pharmazeuten (Arzneibereiter - Apotheker) trieb man freien Handel mit Spezereien und Drogen. Derselbe Händler verkaufte Arzneien und Küchenartikel. Er lieferte Öl, Essig, Pfeffer, Speck und bereitete Salben und Tifanen (Schleimiger Arzneitrank). Hatte ein Spezereihändler durch seine Kenntnis der einfacheren Heilmittel einen gewissen Ruf erlangt, so verdankte er diesen nur dem Studium ärztlicher Vorschriften, die ihm zugänglich waren. Als jedoch die Rezepte schwieriger zu bereiten wurden und eine gelehrte Bildung hierzu erforderlich war, trat die Gilde der Apotheker ins Leben, jedoch war von der Ablegung einer Prüfung noch keine Rede.

Was die Alchimisten anlangt, so forschten diese nicht nur nach künstlicher Herstellung des Goldes; sie hofften auch ein Lebenselixier zu erfinden, das heißt eine universale Reinigungsessenz, die Erdarten und Metalle in Gold, Silber und Diamanten verwandeln, den menschlichen Körper aber gegen alle Zerstörung schützen und unbegrenztes Leben verleihen können. Vom Praktizieren hielten sie sich fern, und kein Alchimist trat als praktischer Arzt auf.

Die Hexenmeister oder Herbaristen betätigten sich dagegen lebhaft in der ärztlichen Kunst in allerlei Formen und trieben ihr Gewerbe mehr versteckt als offen. Ihren Patienten erteilten sie mit Vorliebe dunkel gehaltene Ratschläge, auch pflegten sie sich mit geheimnisvollen Symbolen und ähnlichen Attributen zu umgeben. Sie verordneten Kräuter, denen sie eine heilende Kraft zuschrieben; daneben übten sie auch bei der Behandlung eines Kranken das Absingen von Psalmen.

Die Empiriker verwarfen alles Wissenschaftliche und alle Vorschriften; jeder bahnte sich selbst seinen Weg. Manchen fehlte es nicht an Talent und Klugheit, die die gelehrten Ärzte nicht in dem Maße besaßen, und es sind Tatsachen bekannt, daß ihnen Kuren gelangen, die wunderbar schienen. Häufig beschuldigte man sie allerdings offenbarer Zauberei, und sie selbst schrieben sogar manchmal ihre Erfolge übernatürlichen Ursachen zu.

Neben diesen allen hantierten auch noch Geistliche mit ihren Heilversuchen. Es war ihnen gestattet, bei der Behandlung der Patienten sogenannte übernatürliche Mittel anzuwenden, und als solche werden Gebet, Fasten und dergleichen genannt. So suchten sie zum Beispiel die Epilepsie (Fallsucht) auf folgende Weise nach einer alten Vorschrift zu heilen. "Der Kranke muß sich aufrecht halten, um dem Anfall vorzubeugen, und mit weitgeöffnetem Munde ein Vaterunser sprechen. Nachdem er und seine Angehörigen drei Tage und Nächte gefastet, bringe man ihn in die Kirche. Dann höre er während der Quatemberfasten am Freitag und Sonnabend die Messe. Am Sonntag lese ein guter und frommer Priester in der Kirche über dem Haupte des Erkrankten den Teil des Evangeliums, der im September zur Zeit der Weinlese vorgetragen wird. Dann schreibe der Priester diese Stelle auf ein Papier, das der Kranke um den Hals tragen muß, worauf er genesen wird." — Solche Krankheiten, die nur auf einer Einbildung beruhten, wichen oft einem energischen Zusprechen, das aber nicht jedem Heilkünstler eigen war.

Die oft ausgezeichnet heilkundigen Juden wurden in den abergläubischen Zeiten des Mittelalters auf sehr harte Weise verfolgt und geschädigt, weil man glaubte, daß auch das wohltätigste Arzneimittel sich in Gift verwandelte, sobald ein Christ es aus ihrer Hand empfinge. Sie waren in nützlichen Kenntnissen wohl bewandert und befaßten sich niemals mit Scharlatanerie (Quacksalbereien). Die medizinischen Kenntnisse der Völker des Altertums, dann auch die der Araber, hatten sie sich wohl zu eigen gemacht; und damit ausgerüstet, vermochten sie Kuren auszuführen, die ihren christlichen Kollegen vielfach nicht zu gelingen vermochten. Sie waren im stillen tätig und überragten ihre Zeitgenossen an Gewissenhaftigkeit und gelehrter Bildung vielfach. Später, als die spanischen Mauren mit dem christlichen Europa in Verkehr traten und die arabischmedizinische Literatur bekannter geworden war, wurden die Geheimnisse der unter den jüdischen Ärzten verbreiteten Wissenschaft weiter bekannt. Vor gewagten Kuren, wie sie viele andere unbedenklich unternahmen, hüteten sie sich klugerweise, da ihre Stellung in der Gesellschaft eine unsichere blieb und sie bei fehlgeschlagenen Heilversuchen Verfolgungen zu erdulden gehabt hatten.

M. Loebell.

Chirurgie: die mit den Händen (durch Operation) wirkende ärztliche Kunst.
Herba = das Kraut
Empiriker: einer, der sich auf Wissen stützt, das er durch Erfahrung und nicht durch Studium erworben hat.

Quatemberfasten:
kirchlich vorgeschriebenes Fasten, durch das man den Anfang jeder Jahreszeit heiligen wollte. Das Frühlingsquatemberfasten liegt in der ersten Fastenwoche nach Aschermittwoch, das Sommerquatemberfasten in der ersten Pfingstwoche, das Herbstquatemberfasten in der dritten Septemberwoche und das Winterquatemberfasten in der dritten Dezemberwoche. In diesen Wochen mußte man sich am Mittwoch, Freitag und Samstag fastengemäß ernähren.

Quelle: Neuer Deutscher Jugendfreund, Verlag Schmidt und Spring, Leipzig, von rado by jadu 2003

Galen (Claudius Galenus)

Avicenna
Arzt, Naturwissenschaftler, Philosoph, Astronom

Al-Razi
Arzt, Philosoph, Autor

Da musste ich schon staunen, wie lebendig doch Rabbi Moses ben Maimon (abgekürzt RaMBaM – nach ihm ist auch die bekannte medizinische Akademie in Haifa benannt) noch heute unter Juden ist. Geboren ist der wortgewaltige Denker, Philosoph und berühmte Arzt, auch Ausleger der Mishna als Grundlage des Talmud, im andalusischen Cordoba 1135, gestorben 1204 in Altkairo.


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