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Stätten der Mystik

Herbert Achterberg

Die Frömmigkeit des 12. Jahrhunderts zeigte im Vergleich zu der vorangegangenen Zeit eine weitgehende Verinnerlichung und individuelle Vertiefung. Die Verweltlichung des Klerus, der Streit zwischen kirchlicher und staatlicher Gewalt, die infolge der vielen Kriege eingetretene äußere Notlage und nicht zuletzt die herrschende Verstandestheologie hatten allmählich einen immer stärker werdenden Hunger nach persönlichem Hunger nach persönlichem, tiefen Glaubenslehren und nach Erfahrung himmlischer Güter geweckt. Zu diesem innerem Verlangen kamen die Auswirkungen der großen kirchlichen Reformbewegungen des 11. Jahrhunderts und die starke Belebung der religiösen Phantasie durch die Berührung mit den heiligen Stätten (Kreuzzügen). So war im Abendland weithin der Boden für eine stetig wachsende Mystik bereitet.

Diese Mystik zeigte in zwei verschiedenen Formen ihre neubelebende Kraft: einerseits begabte sie die kirchliche Wissenschaft mit neuem metaphysischem Gehalt — so entstand wieder eine mystische Theologie, andererseits belebte sie das religiöse Empfinden durch die innige Betrachtung des gekreuzigten Christus, die sich bis zu übernatürlicher Seelengemeinschaft steigerte — es bildete sich die mehr unreflektierte, praktische Frömmigkeit der Christusmystik. Beide Formen der Mystik wurden häufig eng miteinander verbunden.

Die mystische Theologie wurde durch Hugo v. St. Viktor, einen sächsischen Grafensohn, und seine Schule systematisch ausgebaut. Zurückgehend auf die aeropagitische Mystik, eng verwandt der neuplatonischen, unterwarfen die Viktoriner das religiöse Erlebnis einer genauen Analyse und stellten heraus, daß erst in der Kontemplation die Spitze aller Frömmigkeit, das Schauen Gottes, erreicht würde.

Theologisch von Hugo abhängig stand au der andern Seite Bernhard v. Clairvaux. Bei ihm zeigte sich neben neuplatonischer Gottesmystik, der durch Kontemplation und Ekstase erstrebten Berührung der Seele mit dem Absolutem, insbesondere eine ausgeprägte Christusmystik. Die Gottesliebe entzündet sich erst bei konkreter Betrachtung des geschichtlichen Bildes des Gekreuzigten mit mit allen seinen Leiden und Wunden. So bildete sich eine eigenartige religiöse Erotik heraus, genährt durch Lektüre des Hohen Liedes, hingewandt auf Jesus, den schönster der Menschenkinder, den Seelenbräutigam. Diese Christusmystik gipfelte bei Bernhard in der Kontemplation des übergeschichtlichen Christus, des Logo der Trinität.

Doch erst auf deutschem Boden zeigte sich die Blüte der mittelalterlichen Mystik. Die deutsche Mystik knüpfte zunächst an Bernhard an. So war er auf seinen Predigtreisen im Rheinland mit Hildegard v. Bingen in nähere Verbindung getreten. Sie wieder stand mit Elisabeth v. Schönau in nächster Nachbarschaft und machte auch große Reisen durch Deutschland in andere Klöster. Der Zug zur Mystik war im 12. und 13. Jahrhundert überhaupt besonders unter inspirierten Nonnen verbreitet, so auch in Flandern (Marie v. Oegnies, Christine v. St. Troud, Magaretha v. Ypern, Luitgard v. Tongern), wo sie in den Kreisen der Beginen und Begharden (häufig als häretisch angesehen) heimisch wurde und durch deren Ausbreitung in die Rheinlande kam (Christine v. Stommeln). Die bedeutendste deutsche mystische Schrift des 13. Jahrhunderts "Das fließende Licht der Gottheit" ist von Mechthilde v. Magdeburg verfaßt. Sie lebte zuletzt im nördlichen Thüringen im Nonnenkloster Helfta, das zu einer besonderen Pflegestätte der Mystik wurde. Die Aufzeichnungen dieser Frauen geißeln scharf die Laster der entarteten Zeit. Die Versenkung in die Leiden Jesu steigerte sich oft zur Ekstase, in der Offenbarungen übersinnlicher Natur und prophetischen Charakters gewonnen wurden.

Eine kirchenfeindliche Mystik zeigte sich in den Gemeinschaften der "freien Geister", deren Gedanken uns nur durch die Gegner dargestellt sind. Eine asketische Sekte mit mystisch-spiritualistischem Einschlag waren die Ortliebarier im Elsaß. — Die Theologie des mystischen Lebens wurde zu dieser Zeit in Deutschland durch den gelehrten Scholastiker Albertus Magnus fortgeführt und durch David v. Augsburg in seinen deutschen Predigten popularisiert.

Starke Ausbreitung verdankt die Mystik dem Dominikanerorden. Er verband den sog. Dionysius Areopagita mit den Lehren von Thomas von von Aquino. Der Dominikanerprior Dietrich v. Freiberg war Naturwissenschaftler und Mystiker. Das ganze All ist von Gott ausgeflossen und durchleuchtet. Doch muß man von der Natur "abscheiden" und die Seele in den Gottesgrund versenken. Einer der tiefsten Denker des Mittelalters und der Schöpfer der deutschen mystischen Sprache war Meister Eckehart. "Abgeschiedenheit" der Seele von den Dingen, Ledigsein auch von sich selbst, — das führt zum "Eingebildetwerden" in Gott, zur Vereinigung mit ihm. Die Gottesgeburt im Seelengrund ist der Sinn des Christentums, das Ziel der Heilsgeschichte.

Als Lehrer der deutschen Dominikanerhochschule Köln (dort Ketzerprozeß gegen ihn) sammelte Eckehart einen Kreis von Schülern, unter ihnen Suso und Tauler. Suso = Ritter Heinrich v. Berg war auch von Bernhard stark beeindruckt, asketisch gestimmt und von schwärmerischer Hingabe in die Gottesminne. Seine Seelenfreundin war Elsbeth Stagel in Töss. Von ihm beeinflußt gingen viele Frauen zu mystischem Leben ins Kloster. Solche Stätten waren Diessenhofen, Oedenbach, Adelhausen, Unterlinden u.a. Zu nennen ist neben Christina Ebner in Engenthal besonders Margarete Ebner in Medigen. Sie war die geistliche Freundin Heinrichs v. Nördlingen. Beide gehörten zum Kreis der "Gottesfreunde", die sich mit dem Patrizier Rulman Merswin um Tauler und den mystischen Gottesfreund vom Oberland scharten. Tauler ist tief auf Eckeharts Gedankengänge eingegangen und hat sie praktisch gewandt. Er mahnt zur Abgeschiedenheit, Gelassenheit, Einkehr zur Verborgenheit des Seelengrundes und gibt genaue Anweisung kundiger Seelenführung.

Auch der Mystiker Ruysbroeks in Brüssel lehnte sich an Eckehart an und sah als höchstes Ziel das "Einmünden in die wesentliche Bloßheit" , den "dunklen weiselosen Abgrund Gottes". Das verbreitetste Buch der niederländischen Mystik wurde die "imitatio Christi" des Thomas a Kempis und folgt mehr der bernhardinischen Christusminne.

Bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts blieb die Mystik herrschend. Die meisten Namen sind verklungen und vergessen. Ein Frankfurter Deutschritter schrieb das letzte große mystische Buch des Mittelalters, das seit Luther als "deutsche Theologie" gekannt ist. Der Mensch müsse ohne allen Eigenwillen Gott ungehindert auf sich wirken lassen und zum Organ Gottes werden (quietistische Mystik).

Quelle: Deutscher Kulturaltlas, 1928-1936, Verlag Walter de Gruyter & Co., von rado jadu 2001


Meister Eckehart 1260 - 1327
Johann Tauler      1300 - 1361
Heinrich Seuse     1295 - 1366



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