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MittelalterArs antiqua 1200 bis 1320

Auch auf der Seite: Notre-Dame-Epoche     Frühe Mehrstimmigkeit in England (Problemstellung)

Ars antiqua, die "alte Kunst" (lat.) – im Gegensatz zur Ars nova und von dieser rückschauend so bezeichnet – die Epoche der mensuralen Mehrstimmigkeit in Nordfrankreich (1200-1320) mit dem Zentrum in Paris. Sie ging von der Notre-Dame-Epoche aus. Ihre Hauptformen sind das weiterentwickelte Organum und die Motette, ferner Conductus, Hoketus u.a., charakteristisch ist der Einheitsablauf eines fließenden, in den Akzenten ausgeprägten Rhythmus, der sich stark vom Cantus firmus der Gregorianik unterscheidet; auch Lied- und Tanzelemente werden aufgenommen.
Hauptmeister und Musiktheoretiker sind Petrus de Cruce, Franco von Köln, Johannes de Garlandia, Johannes de Grocheo, Jacobus von Lüttich


Notre-Dame-Epoche

Bezeichnung für den Abschnitt rein modaler Kompositionsweise etwa von 1180 bis 1250, der unmittelbar die Ars antiqua vorbereitete. Ausgangspunkt und Zentrum war die Kathedrale Notre-Dame-de-Paris, an der die Hauptmeister Leoninus und Perotinus, die ersten uns namentlich bekannten Komponisten, wirkten. Sie waren mit ihren 2- bis 4stimmigen Organa Vertreter der frühen Mehrstimmigkeit und führten kraft der Modalrhythmik die endgültige Loslösung von der Gregorianik herbei. Neben der vollständigen Neukomposition mehrstimmiger Organa war die Praxis der Umarbeitung und Erweiterung bereits vorhandener Werke unter Verwendung einzelner Tenorabschnitte aus ihnen verbreitet. Den Oberstimmen solcher Clausulae wurden häufig neue Texte unterlegt, die der Ausdeutung des im Tenor enthaltenen Choraltextes dienten — Vorläufer der frühen Motette, einer echten polyphonen Tonkunst, die bald die liturgische Bindung verlor. Eine andere typische Form der Notre-Dame-Epoche, die nicht liturgisch gebunden, sondern eine Kunst des geistlichen Standes war, stellt der Conductus dar, der sowohl in polyphoner Mehrstimmigkeit gesetzt sein konnte, als auch Formen der Troubadour- und Trouverekunst übernahm.

Weitere Informationen über Notre-Dame-Epoche, Ars antiqua, Organum: Überall ist Mittelalter?


Leoninus

12. Jahrhundert, Paris, Lebensdaten unbekannt, Hauptwerk: Magnus liber de antifonario et gradali.
Seine Bedeutung besteht in der Einführung eines neuen, gleichmäßig gegliederten Rhythmus in die beginnende Mehrstimmigkeit, zuerst in die seltenen Discantusabschnitte seiner Organa. Sein bekanntestes Organum ist Viderunt omnes

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Perotinus

13. Jahrhundert, Paris, Lebensdaten unbekannt.
Wichtigster Vertreter der früheuropäischen Mehrstimmigkeit. Die Erweiterung des Motetus von der Drei- zur Vierstimmigkeit und die Einführung der rhythmisch eindeutigen Modalnotation werden als seine historisch bedeutsamsten Leistungen angesehen

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Petrus de Cruce

geb. Mitte 13. Jahrhundert, Paris, Komponist zweier erwähnter 3stimmiger Motetten mit fließendem, rhythmisch angelegtem Triphums aus vielen kleinen Notenwerten (bei Verlangsamung der Dauer der Brevis), Einführung des Punktus divisionis

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Franco von Köln

zeitweilig in Paris tätig, Musiktheoretiker, Hauptschrift: Ars cantus mensurabilis.
Einführung des Taktbegriffs (perfectio), das Postulat der Konkordanz (Konsonanz mehrerer Töne) auf betontem Taktteil und die rhythmische Präzisierung der Notation (Mensuralnotation)

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Organum

Mehrstimmigkeit des Gregorianischen Chorals
1. Quint- und Quartorganum des 9./10. Jahrhunderts (Parallelgesang)
2. selbstständige Gegenstimme im Discant des 11. Jahrhunderts ( freie melismatische Wendungen)
3. Organum der Notre-Dame-Epoche (Modalrhythmik Leonins, Clausulae Perotinus)

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Motette

Wurzel: Aufnahme weltlicher Texte in die Gregorianikkomposition (im duplum)
1. Motette der Notre-Dame-Epoche: Grundlage Modalrhythmik, Dehnung des Tenors und dessen instrumentale Ausführung
2. Motette der Ars antiqua: polyphone Durchbildung der Einzelstimmen, Hauptform 3stimmige Doppelmotette mit 2 verschiedenen Texten in triplum und motetus und mit instrumentalem Tenor

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Conductus

Standeskunst der Geistlichkeit. Der 2-, 3-, selten 4stimmige Satz verzichtet auf einen Cantus firmus, alle Stimmen tragen die Textworte gleichzeitig vor.

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Hoketus

Kompositionstechnik des 12. oder 13. Jahrhunderts, bei der die Melodie ton- oder tongruppenweise von den Stimmen wechselseitig übernommen wird (u.a. in der Motette angewendet), gewissermaßen wie ein Ball hin und her geworfen wird

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Modus, Modalrhythmus

Bezeichnung für die 6 rhythmischen Schemata, die den Kompositionen zugrundeliegen können und die in den einzelnen Stimmen innerhalb eines Werkes nicht gewechselt werden dürfen. Die Modi sind auf den beiden Zeitwerden Longa und Brevis aufgebaut und von einzelnen Theoretikern mit den griechischen Versfüßen (Trochäus, Jambus, Daktylus, Anapäst, Molossus, Tribrachus) in Verbindung gebracht worden. Kenntlich sind die Modi in der unterschiedlichen Kombination der Ligaturen, mit Hilfe derer die Musik in der Modal-Notation aufgezeichnet wurde. Der ordo gab an, wie oft der Modus innerhalb einer Melodie bis zur Pause wiederholt werden muß. Eine weitere Differenzierung erfuhren die Modi im 13. Jahrhundert, als sie in Modus perfecti und Modus imperfecti gegliedert wurden.

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Frühe Mehrstimmigkeit in England

Wie ist es zu erklären, daß wir die wesentlichen Informationen über die Notre-Dame-Musik – u.a. die erste Überlieferung von Komponistennamen in der nachantiken Musikgeschichte – dem Musiktraktat eines englischen Mönches, des vielzitierten Anonymus IV, verdanken? Auf welche kulturellen Kontakte zum Kontinent lassen Quellen wie das Winchester Tropar, die Worcester-Fragmente oder die aus dem schottischen St.-Andrew-Kloster stammende Notre-Dame-Handschrift W1 (heute in der Herzog-August-Bibliothek, Wolfenbüttel) schließen, die eine frühe Rezeption verschiedener Organontechniken dokumentieren? In welchem Verhältnis steht hierzu der berühmte Sommerkanon "Sumer is icumen in" mit seiner ungewöhnlichen Kanontechnik (Rota und Rondellus-Ostinato) und seiner Sechsstimmigkeit?

Organum, Notre Dame

Organum
Aufführungs- und Improvisationspraxis
in der liturgischen Musik des 12. Jahrhunderts
(Paris und Aquitanien)

Leonin
(c.1163AD-1190AD)

Pérotin. Organum triplum on "Alleluia Nativitas"

 



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