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Ausländische Studenten wollen nicht in die Platte

Sparkurs: Der Senat plante leere Wohnungen im Ostteil der Stadt in Wohnheime zu verwandeln

BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER

Studentinnen und Studenten im Wohnheim an der Köthener Straße im Bezirk Kreuzberg. Die Zimmer in dem Gebäude sind begehrt: Das Heim liegt im Stadtzentrum.

WOHNHEIM

Zu weit draußen

und viel zu

gefährlich

Philippe sucht ein Zimmer. Er kommt aus Frankreich und studiert an der Technischen Universität Berlin. Bisher hat Philippe im Studentendorf in Schlachtensee gewohnt. Aber das ist nach Ende des Semesters nicht mehr möglich. denn das Dorf wird dicht gemacht. „Es ist schwer für Fremde, eine bezahlbare Unterkunft in Berlin zu finden", sagt er. Philippe würde am liebsten in das Studentenwohnheim in der Köthener Straße in Kreuzberg ziehen. Er hat gehört, es seien Zimmer frei. Marzahn kennt er nur vom Stadtplan. Dort zu wohnen kann er sich nicht vorstellen. „Marzahn ist sehr, sehr weit weg."
Weit weg auch vom Wohnheim in der Köthener Strasse. Das Haus ist ein Neubau mit drei Aufgängen, Anfang der 70er Jahre gebaut. Im Treppenhaus blättert die Farbe ab, aber das stört kaum jemanden. Ein 20 Quadratmeter großes Zimmer mit Schrank, Tisch und Bett, mit Dusche und Kochnische, kostet im Monat 350 Mark. Die günstige Miete ist aber nicht der einzige Grund, warum die Plätze dort begehrt sind. Es ist auch die Lage mitten in der Stadt. Der Potsdamer Platz liegt gegenüber, die U-Bahn ist zwei Minuten entfernt. Mit dem Fahrrad wiederum sind es nur 15 Minuten bis etwa zur Humboldt-Universität.
„Es ist einfach ideal", sagt Studentin Cornelia Meyer. Sie studiert Volkswirtschaft und Kulturwissenschaft an der Humboldt- und an der Freien Universität. Die 20-Jährige ist gerade erst eingezogen. Sie hat zuvor ein Jahr lang im Wohnheim in Biesdorf in Marzahn gewohnt. Von dort wollte sie unbedingt weg, weil ihr der Weg zu den Unis viel zu weit war. „Ich saß jeden Tag zwei bis drei Stunden in der Bahn." Zwischen Seminaren und Vorlesungen nach Hause fahren, die Bücher wegbringen, etwas arbeiten - „das war in Biesdorf gar nicht drin", sagt sie.
Eine Studentin aus Russland wird aus einem anderen Grund niemals nach Marzahn ziehen. Sie wohnt zusammen mit ihrem Freund in der Köthener Straße, er kommt aus Nigeria. „Nach Marzahn werden wir nie gehen", sagt sie. „Dort im Osten ist es für meinen Freund viel zu gefährlich." Sie berichtet, er habe als Schwarzer schon zwei sehr kritische Situationen erlebt. Als er angepöbelt wurde, einmal in der S-Bahn in Pankow und einmal am Ostkreuz in Friedrichshain. „Er hatte damals großes Glück gehabt, daß er nicht verprügeil wurde." (sd.)


Informationen im Internet unter:
www.jadu-studies.de

VON CHRISTINE RICHTER UND MECHTHILD HENNEKE

Der Senat will Studenten künftig in leer stehenden Plattenbauten statt in Wohnheimen unterbringen. Doch die Studenten sind von diesem Vorschlag alles andere als begeistert: Sie wollen nicht in die Gebäude im Ostteil der Stadt ziehen. Vor allem ausländische Studenten wollen sich weigern, einen Wohnheimplatz in den Ost-Bezirken Marzahn, Hellersdorf oder Lichtenberg anzunehmen. Sie haben Angst vor Pöbeleien und Überfällen, weil dort mehr rechtsradikale Jugendliche leben würden als in den West-Bezirken Berlins.
Die Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John (CDU) sagte: „Senator Strieder sollte die Bedenken der ausländischen Studenten ernst nehmen. Ihnen sollten andere Angebote im innerstädtischen Bereich gemacht werden."
Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) will wegen der massiven finanziellen Kürzungen beim Studentenwerk Druck auf die städtischen Wohnungsbaugesellschaften ausüben und diese Unternehmen dazu bewegen, an Studenten zu vermieten. Wie berichtet muss das Studentenwerk Berlin, das für die Wohnheime zuständig ist, im kommenden Jahr 27 Millionen Mark einsparen.

Bis zu 2 000 Heimplätze fehlen

Bislang hat allerdings erst eine Wohnungsbaugesellschaft aus dem Ostteil der Stadt dem Senator geantwortet und ihr Interesse bekundet. Um welche Gesellschaft es sich handelt, war am Donnerstag nicht zu erfahren. Der Bedarf für weitere Wohnheimplätze ist

Angst vor Rechts

Die Anzahl der Straftaten mit fremdenfeindlichen Hintergrund ist in Berlin in den vergangenen drei Jahren leicht zurück gegangen.

Im vergangenen Jahr registrierte die Polizei 68 Taten, davon deutlich mehr als die Halte im Ostteil der Stadt. Genauere Angaben machte die Polizei nicht. Im Ostteil der Stadt leben etwa 1,26 Millionen Einwohner, im Westteil sind es rund 2,11 Millionen Einwohner.

1998 waren 89 derartige Straftaten registriert worden. In diesem Jahr rechnen die Ermittler wieder mit einem leichten Anstieg.

Zahlreiche Taten werden jedoch von der Statistik nicht erfasst. Sie werden lediglich als „Beleidigung" oder „Körperverletzung" registriert, ohne den fremdenfeindlichen Hintergrund zu berücksichtigen.

jedenfalls da: Weil das Studentendorf Schlachtensee im Bezirk Zehlendorf abgerissen wird, fehlen in Berlin laut Wissenschaftsverwaltung bis zu 2.000 Wohnheimplätze.
Die Wissenschaftsverwaltung unterstützt deshalb Strieders Idee. Ihrer Ansicht nach müssen aber noch etliche Fragen geklärt werden. So dürften die Wohnungen für Studenten nicht mehr als 500 Mark monatlich kosten und müssten möbliert angeboten werden.
Auch die Tatsache, dass ausländische Studenten nicht in den Ostteil der
Stadt ziehen wollen, wird in der Wissenschaftsverwaltung nicht bestritten. Pressesprecherin Kerstin Schneider sagte: „Ost-Berlin ist keine rechtsfreie Zone, aber wir

sind bei ausländischen Studierenden schon sehr sensibel."
Ausländerbeauftragte John äußerte sich verwundert über Strieders Plan. „Wir haben eindeutige Hinweise, dass zwei Drittel aller ausländerfeindlichen Straftaten im Ostteil, besonders in den Außenbezirken stattfinden", sagte sie.

„Der Osten ist nicht sicher"

„Wir sind total gegen diese Pläne", sagte Katja Gutierrez der „Berliner Zeitung". Sie ist Studentenvertreterin der Initiative „Ausländerinnen gegen Rassismus" im Allgemeinen Studenten-Ausschuss (AStA). Der Osten Berlins sei nicht sicher für Ausländer. Auch Michael Plöse, Studentenvertreter im Referentenrat an der Humboldt-Universität Berlin, äußerte sich negativ zu dem Vorhaben des Senats: „Das ist nicht sinnvoll. Es ist gefährlich und die Studenten sind nicht sozial eingebunden."
„Für ausländische Studenten ist es aus Gründen der Integration ganz wichtig, in einem Wohnheim mit anderen Studenten zu leben", sagte der PDS-Abgeordnete Wolfgang Brauer. Er bezweifelte, dass die Wohnungsbaugesellschaften dieWohnungen zu günstigen Konditionen anbieten könnten. Schon heute würden zwei Drittel der Berliner Wohnheimplätze von Studenten genutzt, die monatlich weniger als tausend Mark zur Verfügung hätten. Ungefähr ein Viertel der Wohnheimstudenten seien Bafög- Empfänger.

 

 

 



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