Germanische Religion

Nach dem Ausgleich von Freiheit und Gebundenheit, Persönlichkeits- und Gemeinschaftsbewußtsein, Herrschafts- und Genossenschaftsgedanken, mit Gierke zu reden, strebt das Leben der Germanen. Eben weil er ihn vorfand, hat Tacitus den Römern darin einen Spiegel vorgehalten. Die Forschung hat seiner Zeichnung nicht Unrecht gegeben. Die kleinen Gebilde, die uns bei Tacitus als civitates, "Staaten", Bürgerschaften, oder später in England, Deutschland, Dänemark als Völkerschafts- oder Gaukönigtümer begegnen, lassen eine Vereinigung von beiden erkennen. Besonders erklärt sich aus jener Doppelheit von Persönlichkeits- und Genossenschaftsbewußtsein das den Germanen eigentümliche, schon von Tacitus angestaunte Gefolgschaftswesen: der freie Anschluß kriegerischer Jungmannen an einen Edeling oder Fürsten auf gegenseitige Treue hin, sie zu Dienst, er zu Unterhalt verpflichtet, er der Hlaford, Lord oder Truhtin, Scharenführer, sie untereinander "Genossen", alle zusammen "Bankgenossen" in derselben Halle, kameradschaftlich, jener aber auf erhöhtem Sitz, dem Hochsitz des Hauses. Es ist die Keimzelle eigentümlicher Bildungen auf dem Gebiete germanisch-deutschen, politischen Lebens.

Sehen wir zu, welche Stelle nun der Religion bei solcher allgemeinen psychologischen Anlage zukam.
In den 163 Sprüchen der nordischen Odinsfreunde ist nur wenig von Opfer und Gebet die Rede, auf mangelnde Religion darf man daraus nicht schließen: diese ganze Ethik erscheint ja als Gottesspruch, als Odinsweisheit. Das zähe Fortleben heidnischen Aberglaubens in Deutschland zeigt, daß er einst als Glaube auch hier fest in den herzen saß. Der am spätesten von den christlichen Franken unterworfene, sprödeste, ungemischteste, von der Wanderzeit unberührt gebliebene Stamm, der der Sachsen, galt den Franken als "allerheidnischster", "dem Götterkult völlig ergeben".

Als Siegried-Brunhild in der nordischen Siegfriedsage, von Sigurd befreit, erwacht, und ehe sie ihm die Weisheitssprüche und Lebensregeln sagt, ruft sie betend aus: "Heil dir, Tag, und Heil euch, Söhnen des Tags, Heil dir, Nacht, und Kinder der Nacht! Blicket mit milden Augen hierher auf uns, gebt uns, die wir hier sitzen, den Sieg! heil euch, ihr Asen, ihr Asinnen, Heil dir, nährende Erde! Rede und Menschenklugheit gebt uns zwei Edelingen und heilende Hände, solange wir leben." In diesem altnordischen Gebet klingen die verschiedenen Töne zusammen, die sich der Aufstieg von dunklerem Glauben zu hellerer Einsicht deutlich erkennen. Zugrunde liegt der altgermanischen Religion animistische Naturbeseelung. Die Reste von toten- und Ahnenkult spielen daneben keine ausschlaggebende Rolle, keinesfalls in Deutschland. Die Natur lebte dem alten Deutschen wie dem Nordmannen, nur daß bei dem Deutschen Baum und Berg, Quelle und Sumpf eine größere Rolle gespielt haben als Klippe und Meer. Dabei schwankt die Anschauung naturgemäß; einerseits findet sich die Meinung, daß alle Bäume beseelt seien, also auch der Wald, und ein ganzer Hain heilig - noch später bat der Holzfäller den Baum wohl um Verzeihung, wenn er ihn schlagen mußte, und das Abschälen der Bäume war mit schwerster Todesstrafe belegt - dem "Ausdärmen", d. h. der Darm des Frevlers wurde um die entschälten Stellen gelegt -, andererseits gibt es einzelne ausgezeichnete Bäume, wie der Riesenbaum bei Upsala, wie die Irminsul, das Heiligtum des Sachsen, wie das hessische bei Hofgeismar, die Donarseiche, die Bonifaz fällte. So ist's auch mit den Quellen. Sie sind alle heilig, aber es gibt die besonders heilige Quelle, wie das Wunder des Süßwasserquells auf dem heiligen Eiland im Nordmeer, Helgoland, das Sacrum der friesischen Völker. Stärker noch und ganz allgemein waren alle Germanen des frommen Staunens voll über die gewaltigen Erscheinungen des Himmels, die Sonne mit ihrer Leuchtkraft, das Gewitter mit seinem Donner, den Wind, von dem man nicht weiß, woher er kommt und wohin er fährt, aber sein Sausen in den Lüften hören wir wohl. Sie boten ihm das Bild der kämpfenden Natur. Nur Totemismus im eigentlichen Sinne in der Form der Tierverehrung findet sich nicht; selbst die Rolle, die das Roß, namentlich bei den Sachsen, spielt, wird man nicht hierhin rechnen können. Das Tier, das er beherrschte oder erlegte, war ihm nicht wunderbar genug.

Aber die unbestimmten Vorstellungen schritt die deutsche Phantasie fort zu den bestimmteren von Geistwesen, die entweder gebunden sind an einen Ort in der Natur oder ungebunden durch die Natur schweifen, mit eigenen geheimnisvollen reichen, über Nixen und Hausgeister, Elfen und Wichte zu Riesen und Zwergen. Ist es Zufall, daß sich die Phantasie in Deutschland mit besonderer liebe der unglaublich kleinen und eben in dieser Kleinheit wunderbaren Wesen angenommen hat und schon eine "Andacht zum Kleinen" kannte? Sie können sich sogar ganz unsichtbar machen, durch die Tarnkappe, und haben doch wieder einen Kraftgürtel. Richard Meyer meint, daß sie dem animistischen Ursprung am fernsten stehen; in ihrer verborgenen, schätzehütenden Geistigkeit sind sie jedenfalls am menschenähnlichsten geworden.

Über dieser Schicht alten Naturdienstes, der im gewöhnlichen Leben beherrschend fortdauerte, wie bei Griechen und Römern der Dämonenkult, sehen wir den Glauben an persönliche, von der Naturbasis halb oder ganz gelöste Götter sich erheben. Axel Olrik hat in seinem schönen Buch über "Nordisches Geistesleben" herausgestellt, wie den ganzen nordischen Mythus der Gedanke des Kampfes der Reisen gegen die Götter durchzieht. Das ist doch nur ein Niederschlag des allgemeinen religionsgeschichtlichen Vorgangs, wie er sich bei den Griechen im Mythus des Titanen- und Gigantenkampfes gegen die Olympier analog findet. Die lichteren Götter des Himmels, die Bringer, Erhalter, Segner der menschlichen Kultur, haben sich zu behaupten gegen die dunkleren Gewalten er Erde, die Zeit der Erdgebundenheit weicht. Das ganze Dasein erscheint ins Lichtere gehoben. Himmelsgötter sind Tyr oder Ziu, der Sonnengott, wohl die alte indogermanische Gottheit des indischen dyaus, die auch in Zeus, Jupiter steckt, Thor-Donar der Gewitter-, Odin-Wodan der Sturmgott, auch Baldur, der in den Merseburger Heilsprüchen für Deutschland bezeugt ist, wohl eine Abspaltung von Odin, Merthus, die weibliche Wolkengottheit, die Fruchtbarkeit, die vom Himmel träuft, die Gattin des Frey, des Vegetationsgotts, bei den Friesen und an der See heimisch - Götter des Gerichts und der Ehe, der Volksgemeinschaft und des Hauses, also der verschiedenen Seiten der Kultur, aber die wichtigsten, die ersten drei, doch Götter des Krieges zugleich. Als einen Kampf der erhaltenden Mächte gegen die zerstörenden sah der Germane das Leben an, auch das Leben seiner Götter: was sich für uns als ein Austausch der verschiedenen Göttergruppen gibt, stellte sich ihnen als Kampf dar. Durch einen Kampf der Asen und Vanen sahen sie die Götterschar zusammentreten, durch einen Kampf gegen die Mächte der Finsternis sich behaupten, auch Loki, der Gott des Feuers, war in ihre Gesellschaft erhoben: das Feuer verzehrt, aber erhält auch. Doch stammte Loki von unten. Und hier setzte sich das Verhängnis an. Die Lohe konnte von unten aufschlagen und die Himmelsburg vernichten in dem Endkampf, in dem die Muspelsöhne, die Riesen, erscheinen, die Götter aber ihr Gefolge aufbieten. Denn aus der Hel, der Unterwelt, ist die Walhalla geworden, für die Schlachttoten, die doch den Tod nicht mehr sehen, sondern von der Walstatt durch die Walkyren in die ewige Kriegerhalle geleitet werden. Das ist die Gefolgschaft der Götter, das sind die Tapfersten der Tapferen, die Einherier.

"Thunaer ende Wodan ende Sarnot" (das ist vermutlich Tyr oder Ziu) "und allen Unholden, die ihre Genossen", ihre Gefolgschaft sind, mußten die sächsischen Täuflinge abschwören. Auch dieser deutsche Götterhimmel war also reich, aber Donar und Wodan standen voran. Auch zwischen ihnen ist ein Kampf, der erstere der nordische Hauptgott, der andere mehr der Westgermanen eigen, jener die Kraft, dieser den Verstand vertretend, jener doch auch bei den abgeschlosseneren Sachsen noch an erster Stelle, dieser da, wo der Verkehr den Sinn geweckter gemacht hatte, z. B. auf dem Heiligenberg bei Heidelberg an Stelle des Merkur von cimbrischen Legionären verehrt. Beide aber stehen nun nebeneinander: Thor-Donar mit dem Unterton des Rohen, Tölpelhaften, aber Guten und Wohltätigen, der Gott besonders des Gerichtes, das an dem ihm geweihten Tage mit Vorliebe stattfand, also der Gott des sittlich-rechtlichen Gemeinschaftslebens - Odin-Wodan, schmiegsam und veränderlich wie der Wind, der Freude des Menschen, der ihn zum Freund begehrt und ihn, wie die Wikinger dann sagten, zum "fulltrui" nimmt, zum Mann des vollen Vertrauens, er vielmehr mit dem Unterton des Schlauen und Listigen, der Lehrer nicht nur des Guten, sondern auch des Nützlichen, des privaten Vorteils, der individuellen Religion im guten und im schlechten Sinn. Wodan siegte auf der ganzen Linie, seit er den Menschen die ersten Runen ritzte und sie den Zauber der heimlichen Sprüche lehrte, mit denen man die Dinge zwingen kann. Die angelsächsischen Könige alle schrieben ihre Abkunft von ihm her, und selbst im Norden wurde er der Vater der Asen, der Götter, zum Allvater. Hier erst wird etwas von "Urheberreligion" erkennbar. Man spürt den inneren Streit und den Ausgleich der beiden am Anfang aufgewiesenen Neigungen in der Seele des Germanen durch:Gemeinschafts- und Persönlichkeitsbewußtsein, Gemeinschafts- und Persönlichkeitskultur.

"Ich entsage allen Teufelsworten und -werken, Donar, Wodan und Sarnot", gelobten die Sachsen bei der Taufe. Sie wußten sich also mit Worten und Werken an ihren Dienst gebunden. Rudolf von Fulda hielt die Schilderung aus der Germania des Tacitus noch immer für zutreffend, wonach die deutschen nichts taten, ohne den Willen der Götter zu erkunden, in Los und Orakel, bei Gericht und vor der Schlacht. Das Gemeinschaftsleben, das Recht war geheiligt durch Religion, beide gebunden an heiligen Wortlaut und strenge Form der Handlung. In der Volksversammlung, dem Thing, hat das Opfer seine Stätte, wird der Neiding, der Frevler, den Göttern geopfert von den Priestern des Volks, indem er an einem Baum des heiligen Hains gehängt wird, wie die feindlichen Gefangenen, die, dem Gotte geweiht, dort "baumelten" - es ist durchaus mit dem Volke unlösbar verwachsene Religion, in der zuletzt auch rohe Bilder und Tempel und frohe Götterfeste zu bestimmten Zeiten, zum Teil mit Umfahrten, als Feste des Volkes nicht fehlten. Wir können schon taciteischen Schilderung entnehmen, daß den edeln und fürstlichen Geschlechtern des Volkes die Priester entnommen wurden. Das stimmt zu der allgemeinen Beobachtung, daß Königtum und Priestertum in der Wurzel etwas gemein hatten. Wie das Familienoberhaupt, der Hausherr die Herdgenossen auch beim Opfern vertritt, so der fürstliche Edeling, dessen Haus- und Sippenwirtschaft sich zur Volksherrschaft erweitert hat, die Volksgenossen. Denn auch das häusliche Priestertum des Familienvaters, das durch Tacitus und später aus dem Norden bezeugt ist, wird in Deutschland anzunehmen sein, so wenig wir hier davon wissen, so wenig wir namentlich von einer deutschen Parallele zu den nordischen Privat- oder Eigentempeln unmittelbare Kunde hat.

Nun sucht der Mensch, nachsinnend, die Geschichte und das Wesen der Dinge zu durchdringen. Am Anfang schon haben die Götter den ersten Menschen Seele und denkenden Geist, so heißt es (in der Völuspa). Die ganze Welt ist wie ein großer Baum, eine Weltenesche, der heiligste aller heiligen Bäume, dessen Wipfel in den Himmel ragt und dessen Wurzeln bis zu Riesenreich und Unterwelt gehen, in dessen Krone Odins Windroß weidet, und an dessen Fuße die Götter selbst ihr heiliges Recht finden im Thing. Hier aber sitzt an ewiger Quelle, am Born des Lebens das Schicksal, die Wurd, und legt das Leben Lose den Menschenkindern. Und hier liegt auch verborgen Heimdals Horn, des Himmelswächters, das einst ertönen wird, wenn die Riesen anstürmen zum Endkampf. Denn noch weiter und tiefer sieht der Seherin Auge - "Könnt ihr weiteres verstehen?" Die Götter auch sind dem Schicksal verfallen, sie selbst sind nicht das letzte Wort. Es kommt die Stunde, da sich die gebändigten Elemente der Welt empören, das Meer, die große Schlange, die das Erdenreich umringelt, sich aufbäumt gegen die Sonne und Sterne und Wind und Donner. Und das entfesselte Chaos, der Fenriswolf, fällt den Göttervater, der aber wird gerächt durch den Sohn; Thor und der Mitgarddrache, Gewitter und Meer töten sich gegenseitig. Denn sicheren Untergang vor Augen kämpfen die Götter bis zur Vernichtung - die Sonne versinkt, und die Lohe schlägt über alles empor. Der Weltenbaum zittert.

Aber an der Wurzel an heiliger Quelle sitzt das Schicksal und hält ihn bei frischem Grün. Eine neue Erde steigt aus der Flut; "Über schäumenden Fällen schwebt der Adler - Fische fängt er an felsiger Wand". "Auf unbesätem Acker werden Ähren wachsen", alles Böse schwindet, denn Baldur erscheint mit anderen lichten Asen - "Könnt ihr weiteres verstehen?" "Einen Saal seh' ich stehen - die Sonne überstrahlt er - mit Golde gedeckt auf Gimles Höhen: - dort werden wohnen wackere Scharen (das ist eine neue Gefolgschaft) - und ein Glück genießen, das nimmer vergeht."

Das ist die tiefsinnige Religionsphilosophie, die nordische Gnosis im Munde einer Seherin, sicher in den Grundzügen auch den Deutschen nicht fremd, die von der Wurd - Meotod nannten sie die alten Sachsen - und den Muspelsöhnen und dem letzten Streit wohl wußten. Man kann denken, daß auch eine deutsche Veleda ähnliches weissagte. Keine klare Weltendeutung, aber eine gewaltige Weltanschauung in unerhört kühn hingesetzten sich jagenden Bildern, eine germanische Apokalypse, an deren Ende doch auch ein neuer Himmel und eine neue Erde und eine neue Himmelsburg steht, der Sieg der sittlichen Ordnung über das Chaos der Elemente - war es schon ein Strahl des neuen Lichtes, das aus Mittag kam?

Hans v. Schubert

Quelle: Lebensgut aus germanischer und altdeutscher Zeit; Verlag Moritz Diesterweg, Frankfurt a. M., 1928, Jadu 2000

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